Mein nicht ganz so deutsches Leben und der Krieg um die Ukraine im Chat

Der Aggressor im Krieg um die Ukraine ist das Geburtsland meiner Eltern, aber unsere Heimat ist es nicht. Ich spreche ja nicht mal russisch. In diesem Text möchte ich euch einen Einblick geben, wie sich (m)ein nicht ganz so deutsches Leben von anderen unterscheidet, wie Jahrzehnte lange Propaganda noch heute in einem anderen Land wirkt und wie man im Familienchat über das Eingezogen werden und fliehen schreibt.

„Wie der Kreml Russland belügt – und warum Russen für den Krieg sind“ titelte die Neue Züricher Zeitung am ersten April 2023. Über ein Jahr nachdem der russische Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg auf die Ukraine gestartet hat. Die Überschrift der NZZ steht stellvertretend für die Sichtweise vieler westlichen Medien auf die desinformierte russische Bevölkerung.

 

Es sind aber nicht nur die Menschen in Russland, die russische Medien empfangen. Die Sender Perwy kanal und RTR Planeta waren auch auf dem Fernseher bei mir zu Hause zu sehen und die Zeitungen TV Rus und Kontakt-Chance wurden nach dem Mittagessen gelesen. Ich kann kein russisch sprechen und kein Kyrill lesen, trotzdem weiß ich, wie die Nachrichtenstudios im russischen Fernsehen aussehen.

Auf unserem Tisch stehen Pelmeni, aber Russen sind wir nicht. Meine Familie hört russische Pop-Musik beim Aufräumen und deutsches Radio zum wach werden. Meine Eltern sprechen hin und wieder russisch mit mir und ich antworte ihnen auf Deutsch. Meine Eltern sind Russlanddeutsche und ich gehöre zur ersten Generation meiner Familie, die seit Jahrhunderten wieder in Deutschland geboren worden ist.

 

In der WhatsApp-Gruppe meiner Familie sind Mama, Papa, Oma, meine Tante, mein Onkel, seine Frau und ich. Es wurde schon oft über die Bedrohungen aus Russland und den USA diskutiert und dazu wurden passende Artikel aus den deutschen Nachrichten geteilt. Nichts anderes war es am Tag, als der russische Präsident den Angriffskrieg gestartet hat. Der Chatverlauf war geprägt von Angst, aktuellen Nachrichten, Sorge und den Fragen wie es unseren Verwandten und Freunden in der Ukraine geht. Dort leben die Kinder und ihre Familien der Schwester meiner Oma und ihr Bruder lebt mit seiner großen Familie in Russland. Im Krieg um die Ukraine kämpft eine Familie gegeneinander.

„Es war ein riesiger Schock, ich habe viel geweint, hatte aber keinen Zweifel daran, dass Russland für diesen Krieg verantwortlich ist“. Entgegen den Vorurteilen gegenüber Russlanddeutschen, die Einige aus meinem Heimatort haben, ist meine Familie nicht prorussisch eingestellt. Damit sind wir nicht alleine, aber auch andere Meinungen sind von Russlanddeutschen zu hören.

 

Wie die Menschen, die eine russische oder sowjetische Vergangenheit haben, mit der russischen Politik, der Kultur und dem Land verbunden sind ist generell verschieden. Der Wohnort in Russland, wie dort gelebt worden ist, der religiöse Glaube, Erfahrungen in der Schule, im Militär und viele weitere Faktoren sind daran beteiligt, wie prorussisch das Leben hier in Deutschland aussieht.

Das ehemalige Neubaugebiet, in dem wir und andere Russlanddeutsche vor achtzehn Jahren gebaut haben, wird von einigen Einheimischen noch immer als „Russenviertel“ bezeichnet. Zwei Straßen weiter wohnt von mir ein ehemaliger Klassenkamerad aus der Grundschule. Er hat versucht mit mir russisch zu sprechen und mich oft gefragt, warum ich das nicht kann. Lange wusste ich nicht,  was ich antworten soll. Ich weiß wie Plow und Manti schmecken, wie sich die Lieder von Verka Serduchka und Alla Pugatschowa anhören und, dass bei uns Geburtstage und Hochzeiten anders gefeiert werden, als bei meinen deutschen Freunden.

Irgendwann habe ich Mama gefragt, warum sie mir die Sprache nicht beibringen wollte. „Am letzten Tag in Russland, als wir alles verkauft und unsere Koffer gepackt haben, hat uns Mama nochmal alle in die Küche geholt und gesagt: „Kinder, eins möchte ich euch auf den Weg geben, egal, was passieren wird in eurem Leben, geht nie wieder zurück nach Russland.“ Deutschland war die Zukunft. Es war wichtig sich anzupassen, nicht aufzufallen und dennoch wurde diskriminiert.

Diese Erfahrungen sollten mir erspart bleiben. Ich habe das R nicht gerollt und auch mein Vorname ist nicht typisch russisch. Mein Migrationshintergrund bleibt unbekannt.

Mama wollte mit dem russischen nicht viel zu tun haben, hat sich lange nicht getraut die Sprache in der Öffentlichkeit zu sprechen und versucht das Deutsche anzunehmen. Erst mit den Flüchtlingen aus der Ukraine wurde ihre Bilingualität von ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen geschätzt. Trotz der Anpassung bleibt das Leben dort nicht unvergessen: „Russland oder die ehemalige Sowjetunion ist zwar keine Heimat für mich, aber ein Land, in dem ich geboren wurde, zunächst verwurzelt war und meine Kindheit verbracht habe“. Im Vergleich dazu bin ich in deutschen Verhältnissen, mit deutschen Freunden aufgewachsen, die den Geruch von Pelmeni eklig fanden, als ich sie einmal in die Schule mitgebracht habe. Das Russische ist ein Teil meines Lebens, der Grund für mein politisches Interesse an Mittel- und Osteuropa und die Motivation die Sprache noch zu lernen. Einerseits ist es schwer die Verbundenheit mit einem Land, dessen Politik so verbrecherisch ist, nachzuvollziehen, andererseits ist das Land Teil der persönlichen Geschichte – mal mehr, so wie bei meiner Reise mit Mama vor 19 Jahren nach Russland, und mal weniger.

Diese Verbundenheit wird von vielen Russlanddeutschen in Deutschland nicht nur mit dem Essen, sondern auch mithilfe der Medien bewahrt. Odnoklassniki war für Mama eine lange Zeit wie das russische Facebook, viele Russlanddeutsche haben eine zweite Satellitenschüssel auf dem Dach oder können die russischen Sender anders empfangen und am Bahnhof von Kassel-Wilhelmshöhe, wurde vom Zeitungsständer mit den internationalen Zeitungen immer die Argumenty i Fakty  mitgenommen. Das ist jetzt anders.

Mama ist schon lange nicht mehr auf Odnoklassniki aktiv, zu Hause läuft kein russisches Fernsehen mehr und die Zeitung wird nicht mehr verkauft. Meinen Eltern ist bewusst, dass die russische Propaganda viele Lügen verbreitet. Sogar die Facebook-Gruppe „Russko-jasytschnyje mamotschki Germanii“ wurde mit Beginn des Krieges um die Ukraine umbenannt in „Mamy Germanii“

Einigen Russlanddeutschen, die sich mit dem Land, auch politisch, noch immer eng verbunden fühlen ist das nicht bewusst. Untermalt wird das mit einer Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum. Laut ihr sehen 64% der Russen das Fernsehen nach wie vor als die wichtigste Informationsquelle. Eine Quelle, die bereits mit der Etablierung von Putins Machtverikale in den 2000ern als Sprachrohr des Kremls gesehen werden konnte. Das Vertrauen in das Medium lässt nicht nach, nur weil das Programm woanders konsumiert wird. Die staatliche Einflussnahme auf das Volk ist Jahrzehnte alt und zeigt sich in der Darstellung der USA als Staatsfeind, der Beschönigung der russischen Position in der Weltpolitik und in den Geschichtsbüchern in russischen Klassenzimmern. Viele Generationen haben schon in der Sowjetunion ein falsches Bild von der russischen und ukrainischen Geschichte erklärt bekommen. Russki Mir zu dt. „Russische Welt“, ist hier das Stichwort einer Ideologie. Mit ihr wird von Präsident Putin u.a. der Einfluss Russlands auf die postsowjetischen Länder legitimiert. Aufgrund von kulturellen und sozialen Verbindungen, sowie einer gemeinsamen ostslawischen Identität ausgehend von dem Gründungsmythos Kiewer Rus sprach Putin zu Beginn des Krieges von einer „Entmilitarisierung“ und „Entnazifizierung“ im Sinne des „Brudervolks“, womit die Ukrainerinnen und Ukrainer gemeint sind. Dass diese Bestrebungen nur von der russischen Seite ausgehen, ist den Konsumierenden der russischen Propaganda nicht bewusst. Anders wüssten sie, dass zwischen 2002 und 2012 noch ca. 60% des ukrainischen Volkes angegeben haben eine Union von Russland und der Ukraine zu befürworten und nach der Verweigerung vom ehemaligen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterschreiben waren es nur noch 20-25%.

 

Auch meine Eltern sind in der Sowjetunion zur Schule gegangen, Oma und Opa waren Lehrer. Ohne eigenes Interesse und die Motivation zur Recherche in nicht-russischen Quellen bleibt verfälschtes Wissen weiterhin bestehen.

Keiner von uns mag es sich belehren zu lassen und besonders nicht, wenn die vermeintlichen Fakten jahrelang Teil unseres Wissens waren. Verständnis, ein ruhiger Umgang miteinander und einfach nachzuvollziehende Argumente können zu Gesprächen führen, die dabei helfen können, die Emotionen, die mit einem Krieg zusammenhängen, dessen Aggressor das ehemalige Heimatland ist, zu verarbeiten.

Manchmal ist auch diese Herangehensweise nicht genug.

Viele Familien haben Angst sich aufgrund von unterschiedlichen politischen Ansichten zu zerstreiten. Politisches wird daher vermieden und verboten. Nur die Fragen in der WhatsApp-Gruppe, wie es Onkel Heinrichs Enkel geht, der im Dezember eingezogen worden ist, wie es der Cousine geht, die vor einem Jahr mit ihren Kindern nach Deutschland geflüchtet ist und Wowa, der morgen wieder in die Ukraine fährt, bleiben gleich.