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Die Notwendigkeit und Selbstdarstellung der Russlanddeutschen in Deutschland – medial und museal


Im Rahmen meiner Bildungsreise in Oerlinghausen und der Erinnerungswochen habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, inwieweit wir Russlanddeutschen in Deutschland uns eigentlich selbst darstellen wollen – und wie notwendig eine solche Selbstdarstellung überhaupt ist. Wo beginnt Selbstdarstellung, wo beginnt Fremddarstellung? Wer erzählt unsere Geschichte? Und vor allem: Welche Geschichte wird erzählt?

Diese Fragen hängen für mich unmittelbar mit dem Migrantendasein, mit Integration und auch mit der Frage nach Zugehörigkeit zusammen. Denn gerade bei Russlanddeutschen ist Zugehörigkeit nicht immer so eindeutig, wie es von außen vielleicht erscheinen mag. Im Rahmen der Bildungsreise habe ich deshalb verschiedene Interviews geführt, die mir teilweise Antworten gegeben haben, mit denen ich selbst nicht gerechnet hatte.

Für diese Gespräche gab es einen Fragebogen, den ich innerhalb der Woche erarbeitet habe und mit verschiedenen Probandinnen und Probanden durchgegangen bin. Dabei ging es zunächst um relativ grundsätzliche Fragen: Welche Altersgruppen werden angesprochen? Sind die Befragten im Ausland geboren oder bereits in Deutschland? Empfinden sie sich selbst als migrantisch? Fühlen sie sich ihrem Herkunftsland oder dem Herkunftsland ihrer Eltern und Großeltern verbunden? Und wenn ja: Was erinnert sie daran?

Die zentrale Frage war für mich jedoch: Wie drückt sich das Russlanddeutschsein überhaupt aus – und was verbinden Menschen persönlich damit?

Gerade hier kamen für mich einige der interessantesten Antworten. Obwohl ich selbst zu dieser Diaspora und damit zu einer der größten Gruppen deutschstämmiger Zuwanderer aus dem Ausland gehöre, haben mich manche Antworten überrascht. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das Gespräch mit der Autorin Lena Wolf. Für sie sei das „Russlanddeutschsein“ gar nicht so einfach greifbar. Sie sei in Kasachstan geboren und verstehe sich unter anderem als kasachstandeutsch. Mit ihrer Herkunft verbindet sie beispielsweise Beshbarmak, eine traditionelle kasachische Speise.

Diese Antwort fand ich sehr bewegend, gerade weil sie zeigt, wie stark sich Herkunft über ganz alltägliche Dinge ausdrücken kann. Erinnerung und Identität bestehen eben nicht nur aus politischen Ereignissen, historischen Daten oder Familiengeschichten. Sie können auch in einem bestimmten Essen liegen, in einem Geruch, einem Rezept oder darin, wie eine Familie gemeinsam am Tisch sitzt. Esskultur kann genauso Teil einer russlanddeutschen Identität sein wie Sprache, Religion oder Erinnerung an Migration.

Während der Interviews und der vielen Gespräche ist mir außerdem aufgefallen, dass Selbstdarstellung bei Russlanddeutschen eigentlich längst stattfindet – nur nicht immer unter diesem Begriff. Sie zeigt sich beispielsweise in Chören, Tanzvereinen, Kulturvereinen, Begegnungsstätten oder lokalen Veranstaltungen.

Darüber wird hier und da auch in regionalen Zeitungen berichtet. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass diese Form der Sichtbarkeit für eine so große Bevölkerungsgruppe noch lange nicht ausreicht.

Dabei bedeutet mehr Sichtbarkeit für mich allerdings nicht nur, dass andere über Russlanddeutsche berichten sollen. Selbstdarstellung setzt auch voraus, dass Menschen aus der eigenen Gruppe bereit sind, ihre Geschichten zu erzählen, Kultur zu gestalten, sich einzumischen und selbst Bilder von Russlanddeutschen zu produzieren.

Dafür existieren bereits zahlreiche Anlaufstellen und Kulturstätten. Dazu gehören beispielsweise Kulturzentren wie das in Detmold, Vereine, Verbände und Initiativen, aber auch Projekte auf landespolitischer Ebene. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass vieles davon vor allem innerhalb der eigenen Community wahrgenommen wird. Die entscheidende Frage wäre deshalb, wie diese Arbeit stärker nach außen dringen kann.

Im Verlauf des Projektes ist mir allerdings noch etwas anderes besonders deutlich geworden: Eigentlich kann man überhaupt nicht von den Russlanddeutschen als einer homogenen Gruppe sprechen.

Dafür sind die Lebensgeschichten viel zu unterschiedlich.

Es gibt verschiedene Migrationsgeschichten, unterschiedliche Herkunftsregionen und sehr verschiedene

Zeitpunkte der Einreise nach Deutschland. Manche Familien kamen bereits früher, andere vor allem in den 1980er- oder 1990er-Jahren, wiederum andere später. In manchen Familien wurde die deutsche Sprache über Generationen erhalten, in anderen war sie fast vollständig verschwunden. Manche Menschen wuchsen stark mit deutschen Traditionen auf, andere vor allem mit russischen, kasachischen, ukrainischen, kirgisischen oder anderen kulturellen Einflüssen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken.

Dementsprechend unterschiedlich fällt auch die eigene Identifikation aus.

Ein Aspekt, der meiner Meinung nach noch viel stärker berücksichtigt werden sollte, ist dabei die Frage der

Mischehen und generell der kulturell gemischten Familien. Es macht einen Unterschied, ob beispielsweise die Mutter deutscher Herkunft war, der Vater oder beide Elternteile. Hinzu kommt, aus welcher Region die Familie stammt, welche Sprache zu Hause gesprochen wurde, welche Traditionen gepflegt wurden und wie stark die Familie nach der Migration versucht hat, diese weiterzugeben.

Gerade bei meiner Generation – also bei Menschen, die in den späten 1990er- oder frühen 2000er-Jahren geboren wurden beziehungsweise in dieser Zeit aufgewachsen sind – zeigt sich deshalb eine enorme Vielfalt. Die sprachliche und kulturelle Erziehung kann innerhalb russlanddeutscher Familien vollkommen unterschiedlich aussehen.

Der eine versteht Russisch, spricht es aber kaum. Eine andere spricht Russisch, aber kein Deutsch mehr aus der Familie heraus. Wieder jemand anderes wächst mit beiden Sprachen auf. Dazu kommen kasachische, ukrainische oder andere kulturelle Einflüsse. Manche fühlen sich eindeutig als Deutsche, andere als Russlanddeutsche, manche als Deutsche aus Kasachstan oder aus Russland, wieder andere wollen überhaupt keine solche Bezeichnung für sich verwenden.

Ich glaube, gerade diese Vielfalt wird in der öffentlichen Darstellung bisher noch zu wenig gezeigt.

Natürlich darf dabei die historische Leidensgeschichte nicht ausgeblendet werden. Die Deportationen, die Vertreibungen und die systematische Unterdrückung deutscher Sprache und Kultur in der Sowjetunion gehören untrennbar zur Geschichte der Russlanddeutschen. Besonders der Deportationserlass vom 28. August 1941 unter Stalin bildet dabei eine historische Zäsur, deren Folgen Generationen geprägt haben.

Aber gleichzeitig stellt sich für mich die Frage, ob Russlanddeutsche dauerhaft hauptsächlich über diese Leidensgeschichte dargestellt werden sollten.

Ich glaube: nein.

Die Geschichte von Russlanddeutschen ist nicht ausschließlich eine Geschichte des Leidens. Sie ist ebenso eine Geschichte des Überlebens, der Anpassung, des Widerstands und der kulturellen Weiterentwicklung.

Vielleicht müsste man das bisherige Allgemeinbild deshalb etwas kleiner machen und dafür die einzelnen Lebensgeschichten größer.

Nicht immer nur Deportation, Vertreibung und Verlust in den Vordergrund stellen, sondern auch zeigen, was daraus entstanden ist. Russlanddeutsche haben über Generationen gelernt, sich an vollkommen unterschiedliche gesellschaftliche und politische Bedingungen anzupassen. Sie haben in Russland, der Ukraine, Kasachstan, Kirgisistan und anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion gelebt und dort jeweils kulturelle Einflüsse aufgenommen. Bei ihrer Migration nach Deutschland brachten sie diese Erfahrungen wiederum mit.

Für mich liegt darin eine besondere Stärke dieser Gemeinschaft.

Es handelt sich um Menschen mit deutschen Wurzeln, die gleichzeitig Erfahrungen aus ihren zweiten

Heimatländern mitgebracht haben. Diese Erfahrungen verschwinden mit der Rückkehr beziehungsweise Aussiedlung nach Deutschland nicht einfach. Sie zeigen sich in Sprache, Essen, Musik, Humor, Familienstrukturen, Religion, Erziehung und in ganz alltäglichen Gewohnheiten.

Genau diese Mischung müsste meiner Meinung nach medial und museal viel stärker sichtbar gemacht werden.

Dabei findet gerade im Internet bereits ein interessantes Aufleben russlanddeutscher Communities statt. Vor allem jüngere Kulturschaffende setzen sich zunehmend mit ihrer Herkunft auseinander. Sie schreiben Bücher, produzieren Videos und Podcasts, beschäftigen sich mit Familiengeschichten oder greifen kulturelle Themen auf. Auch Köchinnen und Köche zeigen Gerichte, die häufig irgendwo zwischen russischer, sowjetischer, kasachischer und russlanddeutscher Küche liegen.

Gerade diese Übergänge finde ich spannend.

Denn vielleicht liegt das eigentliche Russlanddeutschsein gerade nicht in einer eindeutig bestimmbaren Kultur, sondern in diesen Überschneidungen.

Damit komme ich wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück: Braucht es überhaupt eine stärkere Darstellung der Russlanddeutschen in Deutschland?

Aus meiner Sicht eindeutig ja.

Russlanddeutsche sind trotz ihrer großen Zahl in vielen Bereichen des alltäglichen gesellschaftlichen Lebens noch immer unterrepräsentiert beziehungsweise als solche kaum sichtbar. Gleichzeitig existieren bereits viele Orte, Vereine, Projekte und Initiativen, in denen diese Geschichte dargestellt wird.

Die entscheidende Aufgabe besteht deshalb vielleicht weniger darin, ein einziges großes Bild der Russlanddeutschen zu schaffen. Viel wichtiger wäre es, die vielen kleinen Bilder sichtbar zu machen.

Museen könnten beispielsweise stärker mit persönlichen Gegenständen, Familiengeschichten, Fotografien, Tonaufnahmen, Rezepten oder Interviews arbeiten. Nicht nur erklären, wann Menschen deportiert wurden oder wann sie nach Deutschland kamen, sondern fragen: Was stand bei ihnen zu Hause auf dem Küchentisch? Welche Sprache sprach die Großmutter mit den Kindern? Welche Musik lief im Auto? Welche Gegenstände wurden aus Kasachstan, Russland oder der Ukraine nach Deutschland mitgebracht? Was wurde verloren? Was wurde neu gelernt?

Gerade dadurch wird Geschichte greifbar.

Auch medial wäre eine solche Darstellung wichtig. Denn bis heute ist vielen Menschen nicht klar, wer Russlanddeutsche, Deutsche aus Russland oder russischsprachige Menschen in Deutschland eigentlich sind. Häufig werden diese Begriffe miteinander vermischt. Gerade deshalb braucht es Möglichkeiten, Unterschiede kennenzulernen, ohne wiederum neue starre Kategorien zu schaffen.

Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe der Selbstdarstellung deshalb darin, nicht eine endgültige Definition des Russlanddeutschseins zu liefern.

Vielleicht besteht sie vielmehr darin, seine Vielfalt sichtbar zu machen.

Die russlanddeutsche Geschichte reicht über Jahrhunderte, über Ländergrenzen und über verschiedene politische Systeme hinweg. Sie hat sich immer wieder verändert und an neue Lebensrealitäten angepasst. Genau diese Wandlungsfähigkeit sollte sichtbar gemacht werden.

Nicht nur die Geschichte einer verfolgten Minderheit.

Nicht nur die Geschichte von Migranten.

Nicht nur die Geschichte von Deutschen aus Russland.

Sondern die Geschichte einer Gemeinschaft von Menschen, die ihre Wurzeln in Deutschland hat, über

Generationen in anderen Ländern gelebt und dort neue kulturelle Einflüsse aufgenommen hat und schließlich mit diesen Erfahrungen wieder nach Deutschland gekommen ist.

Vielleicht liegt gerade darin der Kern einer heutigen russlanddeutschen Selbstdarstellung: zu zeigen, dass Identität nicht immer eindeutig sein muss.

Sie darf widersprüchlich sein.

Sie darf deutsch, russisch, kasachisch, ukrainisch oder vieles gleichzeitig sein.

Und sie darf sich von Generation zu Generation verändern.

Wenn es gelingt, genau diese Vielfalt medial und museal sichtbar und greifbar zu machen, können sich darin nicht nur Russlanddeutsche selbst wiederfinden. Auch Menschen, die bisher kaum etwas über diese Geschichte wissen, können verstehen, wer diese Menschen sind – und warum die Frage danach bis heute gar nicht so einfach zu beantworten ist.

 

Nikita Maier, Offenbach a/M, 21.09.2026

 

Trotz solcher offensichtlicher Manipulationsversuche gab es lange Zeit keinen wahrnehmbaren kritischen Diskurs über die Dominanz der russischen Sprache und die damit einhergehenden politischen und ideologischen Auswirkungen in der postsowjetischen Diaspora. Angesichts des von Russland entfachten Krieges treten diese Problematiken jedoch immer weiter an die Oberfläche, und Stimmen, die auf die tiefliegenden imperialistischen Wurzeln dieser Aggression aufmerksam machen, werden immer lauter.

 

In Zeiten, in denen viele Ukrainer Zuflucht in Deutschland finden und dabei unter anderem auf die hiesige russischsprachige Bevölkerung treffen, stellt sich zudem zwangsläufig die Frage: Wie definieren wir die russische Sprache im Kontext unseres Aufeinandertreffens, und welche Bedeutung messen wir ihr bei? Bringt die russische Sprache uns zusammen, weil wir uns so besser verständigen können, oder stützen wir durch diese Sichtweise den Russkij mir und spielen Putin damit in die Karten?

 

Wenn ich auf ukrainische Geflüchtete treffe, finde ich mich häufig in diesem Gewissenskonflikt wieder. Soll ich erwähnen, dass ich etwas Russisch verstehe, um so gegebenenfalls die Sprachbarriere zu überwinden und eine Vertrauensbasis zu schaffen, oder wird mein Gegenüber dies womöglich als Beleidigung oder gar als Angriff werten? Für viele Ukrainer ist die russische Sprache zur Sprache des Feindes und des Terrors geworden, weswegen sich immer mehr von ihnen darum bemühen, vollständig ins Ukrainische überzugehen. Dabei geht es nicht nur um die klare Abgrenzung vom Unterdrücker und Aggressor in Zeiten des Krieges, sondern auch um Selbstbestimmung und die Entfaltung der eigenen nationalen und kulturellen Identität, ungestört von Einfluss- und Unterwerfungsversuchen aus der Richtung Moskaus. In einem Artikel der ukrainischen Autorin und Forscherin Sasha Dovzhyk über ihren Übergang vom Russischen ins Ukrainische stieß ich auf folgenden Satz: „Russian is my mother tongue and liberation means ripping it out of my throat.“[3] – „Russisch ist meine Muttersprache und Befreiung bedeutet, sie mir aus der Kehle zu reißen“. Schon öfter las ich von Ukrainern, aber auch von Menschen aus Ländern wie Belarus und Kasachstan, sie wünschten sich, diese Sprache nicht zu verstehen. Sie nie gelernt zu haben. Sie einfach vergessen zu können. Denn auch hier offenbart sich eine innere Zerrissenheit zwischen dem Streben nach Freiheit und einer Loslösung vom Russkij mir einerseits und der sprachlichen Realität andererseits. Für die meisten Menschen ist es schier unmöglich, ihre Muttersprache aus ihrem Leben zu verstoßen, denn sie hat sich bis in die Tiefen ihres Seins durchgedrungen. Als meine Mutter mir vor kurzem begeistert von einer russischen Sängerin erzählte, deren Musik es ihr angetan hatte, sagte sie kurz später ernüchtert: „Manchmal hasse ich dieses Russische in mir.“ Als würde sie nur widerwillig Anklang in dieser Sprache finden, doch sie tut es.

 

Den damit verbundenen Schmerz kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, denn mein eigener Schmerz lag immer darin, Russisch nicht zu beherrschen. Was sich jedoch hinter alledem verbirgt, ist unser aller Bedürfnis, uns selbst zu gehören und uns selbst zu bestimmen, und nicht Teil eines großen, auf Gewalt und Repression aufgebauten Systems zu sein, in dem uns andere diktieren, wer wir zu sein und welche Sprache wir zu sprechen haben. In dem „Ingenieure“ versuchen, unsere „Seelen“ durch die Kontrolle unserer Münder und unserer Köpfe gefügig zu machen. Deshalb hoffe ich auf eine Zukunft, in der Menschen sich frei und selbstbestimmt in der Sprache ihrer Wahl ausdrücken können. Und in der sich niemand für sein schlechtes Russisch schämen muss.

 
[1] Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Essay das generische Maskulinum verwendet. Die in diesem Essay verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.
[2] russ. für Tochter
[3] https://newlinesmag.com/first-person/mother-tongue-the-story-of-a-ukrainian-language-convert/