Eigene Geschichten – gemeinsames Erinnern

Workshopreihe für junge Erwachsene mit postsowjetischer und osteuropäischer Migrationsgeschichte
- Ausgangslage und Projektidee
Viele junge Erwachsene mit postsowjetischer beziehungsweise osteuropäischer Migrationsgeschichte wissen nur wenig über die Erfahrungen und Lebenswege ihrer Eltern und Großeltern. Erinnerungen an Herkunft, das Leben in der Sowjetunion oder in Osteuropa sowie an Migration und Ankommen in Deutschland werden innerhalb der Familien unterschiedlich weitergegeben – manche Geschichten werden häufig erzählt, andere bleiben unausgesprochen.
Gleichzeitig werden gesellschaftliche Debatten über Herkunft, Migration und Erinnerung häufig polarisiert geführt. Persönliche und familiäre Perspektiven finden darin nicht immer ausreichend Raum. Das Projekt setzt an dieser Stelle an und macht unterschiedliche Familien- und Migrationsgeschichten zum Ausgangspunkt für Austausch und gemeinsame Reflexion.
- Zielgruppe
Das Projekt richtet sich an junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren mit postsowjetischer beziehungsweise osteuropäischer Migrationsgeschichte. Dazu zählen insbesondere Russlanddeutsche, Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler sowie junge Erwachsene mit familiären oder biografischen Bezügen zu osteuropäischen und postsowjetischen Migrationsräumen.
Die Workshopreihe richtet sich insbesondere an Menschen, die:
- Interesse an Familien- und Erinnerungsgeschichten haben,
- sich mit Fragen von Herkunft und Zugehörigkeit auseinandersetzen möchten,
- unterschiedliche Perspektiven kennenlernen wollen,
- bisher wenig Zugang zu biografischer Erinnerungsarbeit hatten.
- Zielsetzung
Das Projekt ermöglicht jungen Erwachsenen die Reflexion eigener Familien- und Migrationsgeschichten sowie ihrer Bedeutung für persönliche und gesellschaftliche Erinnerung. Durch moderierten Austausch, biografisches Arbeiten und gemeinsames Schreiben entstehen Räume für Selbstverortung, Perspektivwechsel und gesellschaftliche Teilhabe.
Zentrale Zielsetzungen sind:
- eigene Familien- und Migrationserfahrungen besser verstehen,
- unterschiedliche Erinnerungen wahrnehmen,
- Ambivalenzen und Mehrfachzugehörigkeiten reflektieren,
- respektvolle Gesprächs- und Austauschprozesse erleben,
- biografische Erfahrungen sprachlich ausdrücken können,
- wenig beachtete Erinnerungen und Erfahrungen sichtbar machen.
Ziel des Projekts ist nicht die Vereinheitlichung von Erinnerungen, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen nebeneinander wahrnehmen und aushalten zu können.
- Pädagogischer Ansatz
Das Projekt orientiert sich an folgenden pädagogischen Prinzipien:
- Niedrigschwelligkeit und Freiwilligkeit,
- biografisches Lernen und Selbstreflexion,
- Lebensweltorientierung,
- moderierter Perspektivwechsel,
- ressourcenorientierter Ansatz,
- wertschätzende Gesprächskultur,
- freiwillige Formen der Beteiligung und Selbstöffnung,
- unterschiedliche Perspektiven einbeziehen, ohne demokratische Grundwerte zu relativieren.
Historische Wissensvermittlung dient vor allem als Kontext und Reflexionsimpuls. Im Mittelpunkt stehen persönliche Erfahrungen, Familiengeschichten und gesellschaftliche Selbstverortung.
Das Projekt versteht sich nicht als parteipolitisches Bildungsangebot. Aktuelle geopolitische Konflikte stehen nicht im Mittelpunkt der Workshopreihe.
- Rolle der Moderation
Die Moderation gestaltet einen strukturierten, freiwilligkeitsorientierten und wertschätzenden Gesprächsraum. Ziel ist es, allen Teilnehmenden Beteiligungsmöglichkeiten zu eröffnen und unterschiedliche Erfahrungen sichtbar werden zu lassen, ohne diese gegeneinander auszuspielen.
Die Moderation:
- unterstützt Reflexionsprozesse durch Fragen und Impulse,
- achtet auf eine ausgewogene Beteiligung,
- begrenzt dominierende Gesprächsanteile,
- fördert respektvolles Zuhören,
- strukturiert Gesprächsprozesse,
- achtet auf die Einhaltung demokratischer Grundwerte.
Diskriminierende, menschenfeindliche oder eskalierende politische Debatten sind nicht Ziel des Projekts und werden entsprechend eingeordnet und begrenzt.
- Workshopstruktur
Workshop 1: Eigene Geschichten und Erinnerungen
Schwerpunkte
- Kennenlernen,
- Vertrauensaufbau,
- Familiengeschichten,
- erste biografische Reflexion,
- Erinnerungsorte und Herkunft.
Mögliche Methoden
- moderierte Gesprächsrunden,
- Kleingruppengespräche,
- gemeinsames Entwickeln von Gesprächsregeln,
- Sammeln von Erinnerungsbegriffen,
- freiwillige biografische Einstiege,
- kurze Schreib- und Reflexionsimpulse.
Workshop 2: Zwischen Herkunft und Gegenwart
Schwerpunkte
- Zugehörigkeit,
- Generationenunterschiede,
- Sprache und Identität,
- Fremd- und Selbstbilder,
- unterschiedliche Erinnerungsperspektiven.
Mögliche Methoden
- moderierte Gesprächsrunden,
- Perspektivwechsel,
- Gruppenarbeit,
- kurze historische Kontextimpulse,
- Rollen- und Perspektivübungen,
- Reflexionsfragen.
Reflexionsimpulse zwischen den Workshops
Die Teilnehmenden erhalten freiwillige Gesprächs- und Rechercheimpulse für Gespräche mit Familienangehörigen oder nahestehenden Personen.
Beispielfragen
- Welche Gründe hatten Eure Eltern oder Großeltern, nach Deutschland zu kommen?
- In welchen Regionen oder Republiken der ehemaligen Sowjetunion haben Eure Familien gelebt?
- Welche Erinnerungen oder Geschichten wurden in Eurer Familie häufig weitererzählt?
- Welche Bedeutung hat Deutschland heute für Euch persönlich?
- Was verbindet Ihr mit Herkunft, Ankommen und Zugehörigkeit?
Workshop 3: Was bleibt? Erinnern und Weitergeben
Schwerpunkte
- Reflexion des gemeinsamen Prozesses,
- Auswahl und Verdichtung von Erinnerungsfragmenten,
- Bedeutung von Familiengeschichten,
- Dokumentation und Weitergabe.
Leitfragen
- Welche Geschichte oder Erinnerung ist Euch besonders im Kopf geblieben?
- Welche Erfahrungen fehlen häufig im öffentlichen Bild über Migration?
- Was würdet Ihr zukünftigen Generationen weitergeben wollen?
- Hat sich Euer Blick auf Eure Familiengeschichte verändert?
Mögliche Methoden
- Gesprächsrunden,
- Reflexionsarbeit,
- Textarbeit,
- freiwillige Präsentationen,
- gemeinsame Auswertung,
- Abschlussrunde.
- Dokumentation / Biografieheft
Im Verlauf der Workshopreihe entsteht ein gemeinsames dokumentarisch-reflexives Erinnerungsheft.
Mögliche Bestandteile sind:
- kurze biografische Fragmente,
- Erinnerungsorte,
- Familienzitate,
- Reflexionstexte,
- freiwillige Fotos oder Erinnerungsgegenstände,
- Gedanken zu Herkunft und Zugehörigkeit,
- anonymisierte Ausschnitte aus Gesprächs- und Schreibprozessen.
Die Veröffentlichung persönlicher Inhalte erfolgt ausschließlich freiwillig. Beiträge können anonymisiert oder unter Pseudonym veröffentlicht werden.
- Umgang mit sensiblen Themen
Das Projekt berücksichtigt, dass persönliche und familiäre Erinnerungen an Migration, Herkunft und Zugehörigkeit emotional und politisch sensibel sein können.
Die Moderation achtet daher auf:
- respektvolle Kommunikation,
- freiwillige Beteiligung,
- Schutz persönlicher Grenzen,
- ausgewogene Gesprächsanteile,
- Begrenzung eskalierender Debatten.
Unterschiedliche Perspektiven und Meinungen dürfen benannt werden. Diskriminierende oder menschenfeindliche Aussagen werden jedoch nicht akzeptiert.
- Geplantes Ergebnis
Geplant ist die Durchführung einer dreiteiligen Workshopreihe mit dokumentierenden und reflexiven Elementen.
Mögliche Ergebnisse sind:
- ein gemeinsames Erinnerungs- oder Biografieheft,
- eine moderierte Präsentation oder Lesung anonymisierter Erinnerungsfragmente,
- eine interne oder öffentliche Dokumentation ausgewählter Beiträge,
- Reflexions- und Austauschprozesse zwischen unterschiedlichen Erinnerungsperspektiven.
- Weiterentwicklungsperspektive
Das vorliegende Konzept versteht sich als Arbeits- und Entwicklungsfassung. Im Rahmen der Akademie „Gemeinsam Erinnern“ sollen weitere fachliche Impulse, Methoden und Perspektiven aufgenommen und in die Weiterentwicklung des Projekts integriert werden.
