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Fahnen im „Ghetto“


Das Projekt untersucht, wie postsowjetische Migration sich in räumlichen und visuellen Strukturen in Deutschland niederschlägt. Analysiert werden mediale Diskurse, politische Debatten sowie individuelle Erfahrungen im Umgang mit sogenannten „postsowjetischen Räumen“. Ziel ist es, den Begriff des „Russenghettos“ kritisch zu hinterfragen und historisch einzuordnen. Anhand einer autoethnographischen Analyse wird das Konzept des“Russenghettos” am Beispiel des “Kapitänsviertels” im niedersächsichen Papenburg kontextualisiert und dekonstruiert. Aufbauend darauf soll in der Zukunft eine Reihe wissenschaftlicher Essays auf Basis empirirscher Grundlagenforschung entstehen.

2024 wurde Spanien Europameister, im Sommer 2026 folgte der Weltmeistertitel – und in den sozialen Medien wird schon diskutiert, ob diese Mannschaft auch die EM 2028 gewinnen kann und damit mit der spanischen Mannschaft der späten 00er und frühen 10er Jahre gleichziehen können, welche die EM 2008, die WM 2010 und die EM 2012 gewann. Ich persönlich hoffe es nicht – als Kind war die spanische Fußballnationalmannschaft neben der italienischen einer meiner ärgsten Feinde. Speziell während der EM 2008 wurden die Spanier zu meinem schlimmsten Albtraum. Erst besiegten sie im Halbfinale Russland, dann im Finale Deutschland und mein zwölfjähriges Ich war am Boden zerstört – hatte ich mich doch auf ein Finalspiel zwischen meinen beiden Herkunftsländern gefreut.

 

Generell löste die EM 2008 viele Gedanken in mir aus, spielte sie keine zu unterschätzende Rolle für mein Verständnis von Identität und Herkunft. Ich selbst wurde in der Nähe der russischen Großstadt Omsk geboren. Ende 1997 wanderte meine Familie nach Deutschland aus, weil meine Mutter und ihr Teil der Familie deutsche Wurzeln besaßen. Wir kamen also als so genannte „Spätaussiedler“[1] in die Bundesrepublik und nicht wirklich viele der deutschen Bundesbürger wussten etwas mit diesen Menschen anzufangen. Die Betonungen der damaligen christlich-liberalen Regierung unter Helmut Kohl, dass es sich bei den Zuwanderern um „deutsche Schwestern und Brüder“ handelte, die stark unter den Folgen des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion im Juni 1941 gelitten haben, stieß in der Bevölkerung eher auf Skepsis. Dass da plötzlich hunderttausende Menschen aus den ehemaligen Nachfolgestaaten der UdSSR, von denen viele kaum ein Wort Deutsch sprachen, in die Bundesrepublik einwanderten und sich dabei auf Vorfahren beriefen, die im 18. Jahrhundert von Hessen an die Wolga auswanderten, rief bei vielen Bundesbürgern nur Skepsis hervor. Ihre Gemütslage beschrieb der „Spiegel“ in seinem Leitartikel zur Thematik der „russlanddeutschen Einwanderung“ vom Oktober 1991 wie folgt: „Wer irgendwo einen deutschen Urgroßvater im Stammbuch nachweisen kann oder gar Verwandte in der Traumheimat Großdeutschland, betreibt nur noch eines: die baldige Rückkehr ins Land der Ahnen an Rhein und Main. Fehlende Deutschkenntnisse (‚Das lernen wir dort‘) sind inzwischen ebensowenig ein Bleibegrund wie die eintreffenden Horrornachrichten von Lagerleben, von Arbeitslosigkeit und hochkochendem Ausländerhaß im gelobten Deutschland [Sic!]“.[2]

So war also die Stimmung bei Teilen der deutschen Öffentlichkeit als meine Familie und Verwandten nach Deutschland zogen. Ich selbst hatte als Kind lange auch nicht verstanden, wer wir eigentlich waren. Ich kam in Russland zur Welt, also dachte ich, ich bin „Russe“. Aber meine Mutter sagte mir immer wieder, dass wir „Deutsche“ sind. Und irgendwie machte es für mich auch Sinn. Meine Großeltern, die beide an der Wolga in den 1930er Jahren zur Welt kamen, sprachen etwas…, dass kein Russisch war. Für mich klang es auch nicht nach Deutsch, aber trotzdem eher noch Deutsch als Russisch. Heute weiß ich, dass sie eine deutsche Mundart sprachen, die sie von ihren Eltern gelernt haben. Zu meinem Bedauern habe ich bis heute nicht herausgefunden, aus welcher Region in Deutschland diese Mundart stammte, aber noch habe ich nicht aufgegeben. Während meine Großeltern mich also auf ihrem „komischen“ Deutsch ansprachen, redeten meine Eltern zweisprachig mit mir, was im Nachhinein betrachtet sehr sinnvoll war, aber mir nicht wirklich gegen meine damalige Verwirrung half. Ich entschied dann einfach mich als „Deutscher“ und „Russe“ anzusehen, was dazu führte, dass ich bei Sportveranstaltungen beide unterstützte – sofern dies möglich war. Beim Fußball merkte ich allerdings schnell, dass der Deutschland-Fan in mir mehr zu feiern hatte als der Russland-Fan.

Die EM 2008 änderte dies ein Stück weit. Natürlich hofften nach dem dritten Platz bei der Heim-WM 2006 meine Freunde und ich, dass Deutschland diesmal gewinnt, aber ein Teil von mir hoffte auch, dass Russland sich ein bisschen besser schlägt als die Jahre zuvor (EM 2004 – Vorrundenaus/ WM 2006 – nicht einmal qualifiziert). Und ab hier wurde es komisch für mich. Während es niemanden störte, dass die türkischen Jungs aus meiner Klasse hundertprozentig hinter der Türkei standen – obwohl beide in Deutschland zur Welt kamen – wurde ich pausenlos gefragt, für wen ich denn sei. Meine Antwort „ich sei für beide“, wurde irgendwie nie so ganz als ausreichend wahrgenommen und das, obwohl der Turnierbaum ein Finale zwischen Deutschland und Russland sogar hergab. Wenn ich also diese Antwort gab, wurde ich sofort gefragt, wenn ich im Finale denn etwas mehr unterstützen würde. Darauf fiel es mir schwer zu antworten und naja Spanien sorgte dann dafür, dass ich es nie musste.

Meine Familie wohnte zu der Zeit nah an einem Viertel in meiner Heimatstadt Papenburg, dass im Volksmund als „Kapitänsviertel“ bezeichnet wurde. Der Name entstand dadurch, dass die Mehrheit der Straßen in diesem Viertel nach lokalen Kapitänen und auch ein paar Seefahrerinnen benannt wurden. Papenburg gedachte so seiner maritimen Tradition. Als Kind war es mein größter Wunsch gewesen, dass meine Familie ein Haus mit Garten im „Kapitänsviertel“ baut. Gerade die Tatsache, dass die Familie meiner besten Freundin aber auch Verwandte mütterlicherseits dort gebaut hatten, machte es zu einem absoluten Sehnsuchtsort. 2006 zogen wir fast an die Grenze des Viertels und ich konnte meine Freunde, die dort wohnten, fast täglich besuchen, ohne eine Reise durch halb Papenburg zu machen.

Für mich war das „Kapitänsviertel“ lange Zeit der schönste Ort in Papenburg. Umso überraschter war ich, dass meine „biodeutschen“ Freunde das nicht so sahen. Als ich schon in der Mittelstufe war, erfuhr ich von einem Klassenkameraden, dass seine Eltern ein Grundstück im „Kapitänsviertel“ abgelehnt hatten, da sein Vater nicht in „Klein-Omsk“ leben wollte. Und ein guter Freund fragte mich einst, ob das nicht das „Ghetto sei, wo die ganzen Russen leben?“ Für mich als Kind beziehungsweise Jugendlicher waren diese Erzählungen ein totaler Schock. Nichts am „Kapitänsviertel“ erinnerte in irgendeiner Weise an ein Ghetto. Es war ein am Reißbrett gezeichnetes Viertel im Stile eines amerikanischen Suburbs. Reihen voller Einfamilienhäuser mit Gärten wurden durch Spielplätze, kleine Parks, Seen und Kanäle aufgebrochen. Für Kinder gab es ein riesiges Sportfeld mit Fußballtoren, Tischtennisplatten und einem Volleyballnetz. Die Straßen und Häuser waren kleinbürgerlich gepflegt und es gab keinen einzigen Plattenbau. Das „Kapitänsviertel“ könnte einem Ghetto nicht ferner sein – auch heute noch.

Was mich aber noch mehr als der Begriff „Ghetto“ irritierte, war der Begriff des „Russenghettos“. Ja viele der Bewohner waren Spätaussiedler aus Sibirien, Kasachstan oder der Ukraine. Damals waren die Grundstücke recht günstig, was sich natürlich unter den Spätaussiedlern herumsprach. Nachdem ein Onkel dort ein Grundstück erworben hatte, erzählte er es der Familie und der nächste Onkel folgte. So kam es, dass viele Spätaussiedler Grundstücke im „Kapitänsviertel“ erwarben, ich glaube aber nicht, dass die Stadt Papenburg aktiv bei der Besiedlung des Viertels durch Spätaussiedler beteiligt war.[3] Zugegeben, ich kannte den Begriff des „Russenghettos“ auch aus anderen Städten. Ein damaliger Freund aus der Grundschule hatte Verwandte in Esterwegen und da „lebten auch nur Russen“. Aber meistens hatten diese „Ghettobezeichnungen“ gewisse externe Marker, auf die sich die Leute bezogen, sei es ein Mix-Markt oder irgendeine Freikirche, die von irgendwelchen kopftuchtragenden Babuschkas aufgesucht wurde. Ja, Papenburg hatte einen „russischen“ Spezialitätenladen und ja, es gab eine Freikirche, die meine Oma mütterlicherseits besuchte, aber beide befanden sich in anderen Stadtteilen.

Ich machte mir also viele Gedanken weshalb speziell das „Kapitänsviertel“ als „Russenghetto“ bei Teilen der bundesdeutschen Stadtbevölkerung verschrien war und kam letztendlich zu dem Schluss, dass es einfach reichte, dass dort nur Menschen lebten, die als „Russen“ angesehen wurden. Natürlich gab es Probleme mit Spätaussiedlerjugendlichen, aber ich glaube Jugendliche machen häufig „Probleme“ und, ehrlich gesagt, fielen mir sonst wenig Begründungen ein. Wie gesagt, das Viertel wurde unglaublich gut gepflegt und es war bei weitem nicht so, dass dort nur Spätaussiedler lebten. Einige Straßen waren hauptsächlich von Vietnamesen, Türken oder Kurden bewohnt und natürlich lebten gerade in den zuerst bebauten Teilen des Viertels auch viele „Biodeutsche“. Meine beste Freundin behauptete früher immer, dass über 40 Nationalitäten im „Kapitänsviertel“ wohnten und wir haben teilweise einige „Exoten“ wie Ungarn, Bulgaren, Griechen und sogar eine amerikanische Familie „aufgespürt“. Wie man sieht, war das „Kapitänsviertel“ sehr multikulturell. Ob jetzt Spätaussiedler oder „Biodeutsche“ die Pluralität im Viertel stellten beziehungsweise stellen, kann ich tatsächlich ohne Weiteres so nicht sagen, aber zu keinem Zeitpunkt war das „Kapitänsviertel“ hauptsächlich von „Russen“ bewohnt – „Russen“, die nach Deutschland kamen, weil sie ihre „deutsche Volkszugehörigkeit“ nachweisen konnten.

Und vielleicht fängt hier tatsächlich die Komplexität der Sache an. Während die EM 2008 lief, wurden im „Kapitänsviertel“ die ersten deutschen und türkischen Flaggen gehisst – spielten beide Mannschaften schließlich ein gutes Turnier. Doch auch die russische Mannschaft schlug sich unerwartet solide und warf im Viertelfinale sogar die Niederländer raus – die in der Vorrunde Weltmeister Italien und Vize-Weltmeister Frankreich in beeindruckender Weise ausspielten. Nicht wenige sahen in den Holländern die Favoriten auf den Titel und auch ich hatte Sorge, dass im Viertelfinale für Arschawin und Co Schluss war. Die Tatsache, dass Deutschland und auch die Türkei schon ins Halbfinale eingezogen waren, machte alles noch nervenaufreibender für mich. Und hier fing die Sache mit den Flaggen an. Denn nach dem grandiosen sowie unerwarteten Sieg Russlands über die Niederlande, stellte sich die Frage, ob man nicht auch in den Siegesrausch einstimmt und „seine eigene“ Flagge zeigt. Doch dies gestaltete sich auf zwei Ebenen schwieriger als gedacht. Die erste war eher von praktischer Natur. So hatte niemand Russlandflaggen zu Hause herumliegen und man hätte sich erst welche besorgen müssen. Der Vater meiner besten Freundin hatte die Idee, die Nachbarn –Niederländer – nach deren Flagge zu fragen (schließlich brauchten sie diese jetzt nicht mehr) und diese zu zerschneiden und so zusammen zu setzten, um daraus die russische Trikolore zu kreieren. Wir Kinder fanden diese Idee unglaublich lustig, aber die Erwachsenen kamen dann doch zur Überzeugung, dass dies vielleicht nicht unbedingt dem nachbarschaftlichen Frieden dienen würde. Außerdem war man ja stolz auf die Leistung der Mannschaft, also sollte die Flagge doch auch wenigstens schick aussehen. Also gingen die Erwachsenen auf Flaggensuche und zu Freude aller konnte mein Vater für uns und die Familie meiner besten Freundin jeweils eine kleine Russlandflagge auftreiben. Es war zwar nichts, was man auf dem Flaggenmast hisste, aber man konnte sie sich in das Autofenster stecken, was mich genug erfreute. Jetzt zeigten „wir“ auch Flagge.

Jetzt wo ich älter bin, finde ich die Sache durchaus paradox. Als Zwölfjähriger war ich tatsächlich ziemlich aufgebracht darüber, dass meine „biodeutschen“ Freunde automatisch davon ausgingen, dass ich nur Russland unterstütze. Und dabei vergoss ich 2006 bittere Tränen als Deutschland bei Heim-WM von den Italienern im Halbfinale besiegt wurde. Klose, Schweinsteiger und Podolski[4] gehörten zu meinen Kindheitshelden und ich fand es schade, dass meine Freunde dies vergessen hatten. Aber die andere Seite ist Folgende: Wir kamen nach Deutschland, weil wir unsere „deutsche Volkszugehörigkeit“ nachweisen konnten. Warum haben wir während der EM nicht einfach Deutschland-Flaggen aufgehängt? 2006 hatten wir das, aber wenn ich ehrlich bin… Heim-WM und Russland eh nicht qualifiziert. Da gab es keine Diskussion. 2008 waren beide dabei und plötzlich wurde es knifflig. Niemand von meinen russlanddeutschen Bekannten kam auf die Idee, schwarz-rot-gold zu hissen. Zugegeben niemand hatte vor dem Turnier irgendwie vermutet, dass man tatsächlich die russische Flagge hissen könnte, weil die Mannschaft ein gutes Turnier spielte. Aber es passierte und hier stießen Fremd- und Selbstwahrnehmung gegeneinander. Mein „biodeutsches“ Umfeld erwartete von mir, dass ich Russland mehr als Deutschland unterstützte und irgendwie merkte ich, dass ich, je länger diese Situation anhielt, Russland eher die Treue hielt. Auf eine gewisse Weise war es eine simple Trotzreaktion. Dass meine in Deutschland geborenen türkischen Mitschüler die Türkei unterstützten, erregte bei den wenigsten Missmut, aber wenn man ehrlich ist, mussten die Türken bei ihrer Migration nach Deutschland nicht ihre „deutsche Volkszugehörigkeit“ nachweisen. Die Türken kamen als Gastarbeiter, niemand hat von ihnen erwartet Deutsche „zu werden“. Ehrlicherweise sollten sie ursprünglich nicht mal länger als zwei Jahre bleiben. Also ist es doch nachvollziehbar, dass sie die Türkei unterstützten.[5]

Doch wie lässt sich erklären, dass Menschen, die in der Sowjetunion aufgrund ihrer deutschen Herkunft diskriminiert wurden und deshalb zu Hunderttausenden in die Bundesrepublik auswanderten – nun bei einem Fußballturnier Russland unterstützten. Meine Großeltern mütterlicherseits wurden im Grundschulalter von der Wolga nach Kasachstan deportiert. Stalin nahm den Angriff des Deutschen Reiches kurzerhand zum Anlass, um alle ethnischen Deutschen in der UdSSR unter Kollektivverdacht zu stellen und deportierte fast eine Millionen Menschen nach Sibirien, Kasachstan und Zentralasien. Gerade meine Großmutter, die eine sehr gläubige Frau war, sprach in den seltensten Fällen Russisch. Auch meine beste Freundin hatte in ihrer Familie ähnliche Deportationsschicksale. Dass wir als Kinder Russland unterstützten, weil wir da zur Welt kamen, ist für mich schlüssig. Zudem wusste – zumindest ich – lange nichts von der Deportation meiner Großeltern und ihrer Zeit in der Arbeitsarmee Aber was war mit der Generation unserer Eltern. Wie balancierten sie die Erfahrung der staatlichen Diskriminierung mit ihrer Einstellung zu Russland beziehungsweise der UdSSR? Nun gut, die Diskriminierung nahm unter Stalins Nachfolgern ab und Menschen idealisieren grundsätzlich ihre Jugend, also ist es per se nicht verwunderlich, dass meine Eltern Sympathien für Russland hegten. Aber ich fragte mich schon als Kind, ob das nicht nur eine Seite der Medaille war. Wenn ich mit den Eltern meiner „biodeutschen“ Freunde sprach, so wusste niemand von ihnen, wer die Spätaussiedler beziehungsweise Russlanddeutschen sein sollten. Ich glaube auch, ehrlich gesagt, dass ihnen der Gedanke – Menschen, die nie in Deutschland gelebt hätten, seien aufgrund irgendwelcher Vorfahren automatisch „Deutsche“ – ein Stück weit unbehaglich war. Zu viel „Blut und Boden“-Denken in der ganzen Sache. Und irgendwie kann ich es verstehen. Meine Eltern sprachen russisch untereinander, gingen in „russischen“ Supermärkten einkaufen und hörten russische Musik. Kann man es Außenstehenden vorwerfen, dass sie solche Menschen als „russisch“ beziehungsweise „nicht-deutsch“ gelesen haben?

Und andersherum? Kann man es meinen Eltern vorwerfen, wenn sie sich stärker mit Russland identifizierten, je stärker ihr Umfeld ihr „Deutschsein“ in Frage stellte? Ich glaube dies ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Doch zumindest für paar Tage im Juni 2008 zeigten meine und andere befreundete Familien, dass sie es mit Russland hielten. Kurz vor dem Halbfinale gegen Spanien gingen die ersten Russlandflaggen hoch und zum ersten Mal wirkte das „Kapitänsviertel“ wirklich wie ein Ort, an dem sich die „russische“ Bevölkerung Papenburgs konzentrierte. Von einem „Ghetto“ hatte es immer noch nichts, dafür waren die Vorgärten zu gepflegt, aber ein Hauch von Klein-Omsk lag tatsächlich in der Luft. Zugegeben nicht für lange. Spanien gewann 3:0 und ich habe noch jetzt den Eindruck, dass die Suche nach Russlandflaggen länger dauerte, als die Zeit, an der wir uns an ihnen erfreuen konnte. Das Halbfinale hatte ich natürlich mit meiner besten Freundin geguckt und ich werde nie vergessen, wie sie sich nach dem Spiel äußerte: „Erst hatten alle Angst öffentlich Flagge zu zeigen, dann waren alle so stolz nach Holland und dachten „vielleicht gewinnen wir wirklich“. Morgen werden alle beschämt die Flaggen wieder weghängen, als ob man es nie gemacht hat“. Ihre Worte trafen direkt ins Schwarze; am nächsten Tag fand man nirgendwo mehr weiß-blau-rot.

Das Finale zwischen Deutschland und Spanien schaute ich bei einem engen „biodeutschen“ Freund, dessen Eltern eine riesige Grillparty schmissen. Kurz vor dem Spiel sprach ich mit der Mutter eines anderen Freundes, die zu mir meinte, dass es vielleicht besser sei, dass Deutschland nicht gegen Russland spiele, da ich dann ja in einer schwierigen Lage wäre. Ich konnte zwar ihren Gedankengang nachvollziehen, aber war mir da nicht so sicher. Bei Deutschland-Russland wäre ich sicherlich „als Sieger“ davongegangen, aber bei Deutschland- Spanien bestand die Chance, dass man doch verliert. Und Fernando Torres sorgte dafür, dass mein Gedankengang richtig war. Freuen konnte ich mich darüber freilich nicht. Spanien wurde also Europameister, das „Kapitänsviertel“ zeigte verschiedene Flaggen und ich stellte mir das erste Mal ernsthaft eine grundsätzliche Frage nach meiner eigenen Identität.

 

 

Epilog:

Die Identitätsfrage ist für mich persönlich mittlerweile eigentlich gut geklärt. Als eine Bekannte mich mal an der Uni fragte, wie ich mich identifizierte, antwortete ich ihr: „50 % Deutsch, 50% Russisch, 100% Europäisch“. „Aber so wirklich europäisch ist Russland doch nicht, oder? Ich meine mit der fehlenden demokratischen…“. Wie man sich vielleicht denken kann, so musste ich auch an der Uni meine Identität rechtfertigen müssen. Sie wollen gar nicht wissen, wie oft ich damit argumentierte, dass eine schwache demokratische Tradition[6] kein Ausschlusskriterium sei, um einem Land aus Europa „rauszuwerfen“, aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

 

[1] Eine ausführliche Beschreibung zur Thematik der (Spät-)Aussiedler findet man u.a. bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Siehe dazu: https://www.bpb.de/themen/migration-integration/russlanddeutsche/.

[2] „Der Wettlauf nach Westen“ in: Der Spiegel 43/1991, 21.10.1991, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492070.html (Zugriff: 24.07.2026)

[3] Als häufig genanntes Vergleichsbeispiel ließe sich etwa Lahr in Baden-Württemberg heranziehen, wo die Stadtverwaltung Spätaussiedler bewusst in leergeräumten NATO-Wohnblöcken ansiedelte, was dazu führte, dass sich diese vom Rest der Stadt in Teilen isolierten. Die Einschätzung, es handele sich um ein „Russenghetto“, konnte sich daher in Teilen der Bevölkerung durchsetzen.

[4] Im Falle von Klose und Podolski steckt auch da wieder eine gewisse Ironie dahinter – haben beide Männer ihren familiären Wurzeln im heute zu Polen gehörenden Oberschlesien.

[5] Eine kompakte Darstellung zur „Gastarbeiter“-Thematik findet man bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Siehe dort: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/324552/erstes-anwerbeabkommen-vor-65-jahren/.

[6] Ironischerweise findet man eine schwache demokratische Tradition, einen Hang zur Zentralisierung, Ablehnung des Parlamentarismus, eine führende Rolle der Kirche und Aristokratie sowie eine verhältnismäßige technische und wirtschaftliche Rückständigkeit der bäuerlichen und proletarischen Bevölkerung auch in der Geschichte Spaniens. Vielleicht sollte ich die Sache also nochmal überdenken? Ein Land, das nicht zu Europa gehört, sollte doch auch nicht Europameister sein, oder?