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Geschichten von Drüben



Seit vielen Jahren führt die Autorin biographische Interviews mit ihrer Großmutter. Daraus ist eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen russlanddeutschen Familiengeschichte entstanden, die im Rahmen des Projekts vertieft wurde. In einem journalistischen Essay will die Autorin das Thema für ein breiteres Publikum zugänglich und verständlich machen. Der Text verbindet die Lebensgeschichte ihrer Großmutter mit historischem Kontext und der ganz persönlichen Perspektive der Autorin auf das Thema Erinnerung.
Meine Großeltern haben auf dem Weg in die Freiheit Kontinente durchquert.
Die Geschichten, die sie von ihrer langen Reise aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik erzählen, prägen mich bis heute. 



Meine Kindheit fand am Küchentisch meiner Großeltern statt. Über einer dampfenden Schüssel tiefrotem Borschtsch, knusprig gebratenen Schupfnudeln mit Wassermelone oder — wenn ich ganz viel Glück hatte — süßen Blini mit Honig. An diesem Tisch wurde immer geredet. Über unseren Alltag, die Welt und „Drüben“. 


Nikolaus und Maria Gareis mit ihrem Hund Rex, 2013. Foto: Privat / Veronique Schönleben.
Hochzeitsfoto Maria und Nikolaus Gareis, 1958. Foto: Privat / Veronique Schönleben.

Drüben ist ein Ort, der mir gleichzeitig nah und fremd ist. Ich war nie da, ich kann nicht hinfahren und doch ist er ein Teil von mir. Denn Drüben sind die Orte, in denen die Geschichten meiner Familie spielen. Es ist mal ein Dorf in Kasachstan, mal eines im Ural-Gebirge und mal eines in der heutigen Ukraine. Es sind unzählige Punkte auf der Landkarte, die früher mal zur Sowjetunion gehörten. Punkte, die für meine Familie Heimat waren und die sie verlassen mussten — oder wollten. Stationen auf einem langen Weg, der sie 1973 nach Deutschland führte. Doch wenn Mama, Oma und Opa darüber sprachen, wurde daraus einfach „Drüben“. 



„Drüben hatten wir einen Hund, der hieß Laika.“ „Drüben haben die Wassermelonen ganz anders geschmeckt! Und die Pfirsiche erst!“ „Drüben war der Winter furchtbar kalt, aber es war eine andere Kälte als hier.“ „Drüben waren wir die ersten im Dorf mit einem Auto.“ „Drüben hat man nicht geglaubt, was in der der Schule erzählt wurde.“

Familienhund Laika, 1960er. Foto: Privat / Veronique Schönleben.


Omas Glück und Opas Mut 


Meine Oma, Maria ist die eigentliche Chronistin unserer Familie. Sie wurde 1936 in der Nähe von Odessa geboren. Als jüngste von 6 Geschwistern. Seit einigen Jahren führe ich Interviews mit ihr über ihre Lebensgeschichte. Sie hat den Krieg, Verschleppung und wirklich schwierig Zeiten durchlebt und doch sagt sie immer, wie viel Glück sie hatte:




„Als Kind fühlt man das auch gar nicht so. Also man fühlt es anders. Ich meine meine Geschwister, die haben den Krieg anders erlebt als ich. Ich war die Jüngste.“  

Maria (in der Mitte, mit Blumen), mit ihren Eltern Klementina und Adam und den älteren Geschwistern im Arbeitslager im Ural, 1946. Foto: Privat / Veronique Schönleben.

Wir sind Russlanddeutsche. Also Nachfahren von Menschen, die auf Einladung von Katharina der Großen irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert ins Russische Reich übersiedelten. Opas Familie lebte an der Wolga, Omas am Schwarzen Meer. Dazwischen liegen mehr als 1500 Kilometer. Aber das Schicksal und die Geschichte haben sie zusammengeführt.

Mein Opa Nikolaus hatte ein ganz besonderes Talent, Geschichten zu erzählen. Sie waren lustig, spannend und oft genug gefährlich. Aber am Ende ging es immer irgendwie gut. Denn Opa war in all seinen Geschichten der Held. Er war Kapitän einer deutschstämmigen Fußballmannschaft, hat sich nicht nur auf dem Platz mit den Russen angelegt und immer mal wieder heimlich was an der sowjetischen Planwirtschaft vorbei gemogelt — mal hat er Fische verkauft, mal Äpfel, mal Ersatzteile fürs eigene Auto bei der Arbeit mitgehen lassen.



„Den hätten sie fangen können und ins Gefängnis stecken. Aber er hat immer zu dem ganzen Risiko, was er in seinem Leben eingegangen ist, hat er immer ein bisschen Glück dazu gehabt, dass er auch heile nach Hause kam.“ 

Meine Großeltern haben sich kurz nach dem Krieg im Ural-Gebirge kennengelernt. Sie lebten dort in Lagern mit ihren Familien, die Eltern und älteren Geschwister mussten Zwangsarbeit leisten. Hunderttausende Deutsche und Angehöriger anderer Minderheiten wurden während des 2. Weltkriegs von Stalin zu Feinden erklärt und inhaftiert, deportiert oder zur Zwangsarbeit gezwungen.

Die Eltern meiner Großmutter vor der Baracke im Ural, 1953. In solchen Hütten aus Holz lebte die ganze Familie auf wenig Platz zusammen. Foto: Privat / Veronique Schönleben.

Feinde und Faschisten?

Meine Großeltern kamen erst 1945 in den Ural, aus Deutschland und Frankreich. Denn sie wurden im Krieg von der Wehrmacht bei ihrem Rückzug mitgeschleppt. Als Kinder verbrachten sie also eine kurze Zeit unter NS-Herrschaft. Oma in der Nähe von Berlin, Opa im Elsass. Doch nach Kriegsende liefert die Bundesrepublik die sowjetische Staatsbürger wieder aus. Und dort gelten sie jetzt als Faschisten. Wusste Oma damals, was Faschisten sind? 


„Nein, wusste ich nicht. Ich wusste, weil ich Deutsche bin, beschimpft man uns. Aber die Bedeutung Faschisten, das ist für mich kein Begriff gewesen. Ich wusste nur, dass wir Deutsche sind und wir mussten jeden Monat zu diesem Geheimdienst gehen und unterschreiben, dass wir diesen Ort nicht verlassen.“

Nur mit Erlaubnis durften sie ihren Ort kurzzeitig verlassen, etwa zum Einkaufen. Viele Kinder mussten schon mit 14 oder 15 anfangen, zu arbeiten. Aber meine Oma hat Glück: Sie beendet die Schule mit besonders guten Noten und darf sogar studieren, als eine von nur sehr wenigen deutschen Mädchen überhaupt.

Mit Hoffnung und Handgepäck nach Deutschland


1957 beendet meine Großmutter ihr Studium. Ungefähr zur gleichen Zeit erhalten die Deutschen die Freizügigkeit innerhalb der Sowjetunion — auch dank Konrad Adenauer, der sich bei seinem Besuch 1955 in Moskau für sie stark gemacht hat. Opa folgt ihr, sie heiraten, bekommen zwei Töchter, gehen zunächst zusammen nach Kasachstan und Oma arbeitet als Deutschlehrerin. 



„Drüben war es ja sogar so so, die Frau hatte die gleichen Rechte gehabt. In Russland hatte der Mann der Frau nichts zu sagen gehabt, die ging Arbeiten und fertig.“

Mehrmals ziehen sie um, erst nach Kirgisien (heute Kirgistan), dann nach Estland, bevor sie 1973 endlich in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. Dabei muss die Familie fast alles zurücklassen. Nur mit zwei Koffern sind seien sie nach Deutschland gekommen, sagt Oma. Am Flughafen in Moskau wurde genau kontrolliert, ob unerlaubt Bargeld oder Goldschmuck mitgeführt wurde.

„Auf jeden Fall war es so, dass wir dann ohne Probleme durch die Kontrolle gingen, die Kinder und ich. Und bei ihm hat es gepiept. Das heißt, er hatte was Verbotenes bei sich. Dann haben sie ihn raus aus dieser Kabine, haben ihn weggeführt und wir standen da zu dritt. Tränen in den Augen. Wer weiß, ob er wieder zurückkommt. Und irgendwann haben sie ihn wieder zurückgebracht. Ja und dann, als wir im Flugzeug saßen, sagt Opa zu mir: Ich weiß, was, was du nicht weißt. Ich habe ein Geheimnis. Ich habe in den Socken 2000 Rubel. Wenn sie das gefunden hätten, dann wäre das hundertprozentig Gefängnis gewesen.“

Ein Rubel von 1961. Ob er zu denen gehört, die in den Socken geschmuggelt wurden? Wir wissen es nicht. Foto: Privat / Veronique Schönleben.
Die Familie Gareis in den 60ern vor ihrem Haus in Kirgisien. „Wir waren die ersten im Dorf mit einem Auto“, erzählen sie noch heute. Zusammengebaut hat es mein Großvater selbst. Foto: Veronique Schönleben/ Privat.

Etwa 2,5 Millionen Russlanddeutsche leben in Deutschland. Die meisten kamen nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs, also in den 1990ern. Ihre Geschichten sind kompliziert und vielfältig. Doch viele Familien haben — wie meine Großeltern — Repressalien aufgrund ihrer Deutschen Herkunft oder Identität erfahren.

Erinnerungskultur mit Lücken

In der deutschen Erinnerungs- und Debattenkultur ist all das kaum Thema. Die Deutschen aus dem Osten gelten als konservativ, gut ausgebildet und zumindest wirtschaftlich gut integriert. Und meist wird überhaupt nicht über sie gesprochen. Im Alltag bezeichnen uns viele noch als „Russen“, für Medien interessiert die Gruppe vor allem in den letzten Jahren als Sympathisanten von Putin und der AfD.


„Ich wünschte, dem Putin würde ein Stein auf den Kopf fallen“, hat meine erzkatholische Oma einmal gesagt. Und ich war baff. Es war einige Zeit nach dem Angriff auf die Ukraine, aber so hatte ich sie noch nie reden hören. Klar, über Putin, den „KGB’schnick“ wurde noch nie ein gutes Wort verloren. „Gefährlich“ ist der, hieß es immer, schon lange bevor es alle wussten. Die Russland-Nostalgie ihrer Landsleute konnten meine Großeltern nie verstehen. „Wegen sowas sind wir doch gegangen“, heißt es.

Festlich gedeckter Tisch im Haus meiner Großmutter. Foto: Veronique Schönleben.
Ein Blick in Omas geliebten Garten, 2026. Foto: Veronique Schönleben.
Schupfnudeln mit Wassermelone bei Oma. Foto: Veronique Schönleben.

Meine Oma ist heute 90, pensionierte und verwitwet. Auch in Deutschland konnte sie bis zur Rente als Lehrerin arbeiten. Ihr Haus im Emsland ist ihr kleines Königreich — möbliert mit ausgewählten Antiquitäten, orientalischen Teppichen und schönem Porzellan. Im Garten wachsen, wie Drüben, Pflaumen, Kirschen, Tomaten und Kürbisse.

Als ich angefangen habe, mit meiner Oma Interviews über ihre Lebensgeschichte aufzunehmen, war es die Geschichte meiner Familie in die Freiheit. Aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik, aus dem Krieg in den Frieden, aus dem Mangel in den Wohlstand. Nicht gradlinig, aber linear.

Wir sind, was wir uns erzählen


Jetzt aber scheint sich die Geschichte zu wiederholen, zu spiegeln, uns zu verfolgen. Die Pandemie, Putins Krieg, der Rechtsruck in der Gesellschaft. Wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, kann davon nur beunruhigt sein.

„Ich bin froh, dass ich das nicht mehr erleben muss“, sagt sie in letzter Zeit oft. Dabei lebt sie doch noch. Aber ich weiß, was sie meint. Das was kommt. Die Geschichte sitzt tief in den Knochen. Bei ihr. Und irgendwie auch bei mir.

Ich merke, wie ich manchmal nach Tipps suche in unseren Gesprächen. Nach Hinweisen, wie man einen Faschismus, einen Stalinismus, welchen -ismus auch immer übersteht und überwindet. Aber eine Lebensgeschichte ist keine Anleitung zum Überleben. Und doch kann Erinnerung ein Kompass sein.

Die Geschichten meiner Großeltern haben mir ihre Werte vermittelt, ihre Lektionen und Weisheiten. Über Familie, Glaube, Zusammenhalt, Fleiß und Mut. Aber auch über das Streben nach Freiheit und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Oma sagt heute: „Ich bin voller Dankbarkeit und Demut, dass ich heute im Land meiner Vorfahren leben kann.“

Ich frage mich in letzter Zeit oft, welche Geschichten ich eines Tages über mein Leben erzählen möchte. Ich hoffe, wenn ich 90 bin, kann ich auch in meinem Garten sitzen und sagen: Uns geht es gut.


 

Meine Oma und ich. Foto: Privat / Veronique Schönleben.