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Hinter Glas. Die Schätze von Бaba und Дeda


„Hinter Glas“ erzählt russlanddeutsche Kulturgeschichte über die Wohnzimmerschrankwand meiner Großeltern – Baba und Deda. Pialki, Bleikristall, Porzellan und Fotoalben führen nach Kasachstan, in die Sowjetunion und in das Leben nach der Migration nach Deutschland. Eine aufklappbare Illustration macht die Schrankwand zum Museum der Wohnung: Geschlossen zeigt sie Glas, Holz und Spiegelungen. Geöffnet treten die Dinge und ihre Geschichten hervor. Ein leerer Schrank lädt Kinder und Erwachsene dazu ein, die Schätze der eigenen Großeltern einzuzeichnen und ihre Geschichten festzuhalten. Das Projekt zeigt, wie vielschichtig russlanddeutsche Zugehörigkeit sein kann. Zugleich öffnet es einen Erinnerungsraum, in dem sich Erfahrungen postmigrantischer Familien aus Osteuropa berühren.

„Spielst du wieder mit dem Teeservice? Bitte vorsichtig. Du weißt, es ist aus Ostdeutschland.“

Baba sagte solche Sätze halb warnend, halb stolz. Ich stand vor der Vitrine und sah die guten Sachen an: das feine Teeservice, die Pialki mit ihrem Pachtagul-Muster, das Bleikristall aus der Tschechoslowakei, die Fischkaraffe mit den kleinen Bechern, das Parfum Magnolia, das Baba bei besonderen Anlässen auftrug, die Fotorahmen, die gestärkten Spitzendeckchen. Alles war sichtbar, geordnet, an seinem Platz. Die Glasscheiben gaben den Blick frei und hielten die Hände zurück.

Für den Alltag gab es andere Tassen, andere Gläser, andere Teller, anderes Parfum. Die guten Sachen warteten. Auf Gäste, auf Feiertage, auf den richtigen Anlass. Manche Anlässe kamen. Andere wurden so lange erwartet, bis die Dinge selbst zu einer Art Ereignis wurden.

Die Stenka, ein Wändchen nur dem Wort nach, nahm fast die ganze Wohnzimmerwand ein. Schweres Holz, dunkler Glanz, Griffe, Spiegelungen. In den Glasflächen erschien manchmal mein Gesicht zwischen den Dingen. Geschlossen hielt sie den Raum zusammen. Geöffnet zeigte sie eine Ordnung: oben das Feierliche, hinter Glas das Kostbare, in den Fächern die Fotos, darunter Schubladen, in denen vermutlich noch mehr lag, was man irgendwann brauchen konnte.

Mehr als dreißig Jahre später stehe ich vor einer anderen Stenka, in einer anderen Wohnung, in einem anderen Land. Nach dem Tod meiner Großeltern räume ich sie aus. Sie ist ähnlich eingerichtet wie die Schrankwand in Kasachstan. Zum Teeservice haben sich ein Karlsbader Trinkbecher, ein paar Swarovski-Kristallblumen und Porzellanengelchen gesellt. In den Schubladen liegen die Fotoalben schwer. Gesichter von Verwandten und Bekannten schauen durch zerknitterte Folie. Daneben liegen lose Fotostapel: Hochzeiten, Kinder mit großen Schleifen, Männer in Anzügen, Frauen mit toupierten Haaren, Familien vor Teppichen, Verwandte vor Autos, Tischen, Birken und Bergen. Manche Namen kenne ich, andere lassen sich keinem Gesicht mehr zuordnen. Mit ihnen geht etwas verloren, vielleicht für immer.

Ein Fotoalbum verlangt Zeit. Ich blättere langsam, bleibe hängen und merke, dass eine Familie aus Bildern besteht, die einander festhalten, obwohl die Orte längst auseinanderliegen und die Erinnerungen an den Rändern ausfransen.

Von diesen Orten sprechen auch die Dinge, die ich in Zeitungspapier und Luftpolsterfolie packe. Zuerst die Pialki, kleine Schalen ohne Henkel. Auf rotem Grund leuchten orange-weiße Blüten. Das Muster heißt Pachtagul, auf Deutsch Baumwollblüte, und gehört zur usbekischen Porzellantradition.

Die Pialki waren klein, aber sie verlangten beide Hände. Man nahm sie anders als eine Bürotasse. Die Finger lagen um die Schale, die Wärme ging in die Handflächen. Baba schenkte nach, bevor die Schale leer war. Tee aus Pialki war deshalb nie bloß Tee. Er wurde eingeschenkt, angeboten, angenommen, nachgefüllt. Eine kleine Gabe, hätte Marcel Mauss vielleicht gesagt, zu alltäglich für Pathos, groß genug, um Zugehörigkeit herzustellen. In seinem Text über die „Techniken des Körpers“ beschreibt Mauss, dass alltägliche Handlungen wie Gehen, Sitzen, Tragen, Essen und Trinken kulturell eingeübt werden. Auch das Teetrinken gehört dazu. Der Körper speichert die Haltung der Hände, den kleinen Schluck, das Warten und das Nachschenken.

Sieben Jahre nach Mauss’ Vortrag deportierten sowjetische Behörden meine Großeltern und ihre Familien aus dem Wolgagebiet nach Kasachstan und brachten sie in Sondersiedlungen unter. Die Familien konnten fast nichts mitnehmen. Man war froh, am Leben zu bleiben. Vielleicht liegt gerade deshalb in diesen kleinen eingeübten Gesten so viel Gewicht. Eine Schale halten. Tee einschenken. Wärme weitergeben. An einem Tisch sitzen. Zugehörigkeit herstellen, wo Geschichte sie zerbrochen hatte.

Neben den Pialki steht der Karlsbader Trinkbecher. Auch er zwingt den Körper zu einer anderen Langsamkeit. Das Quellwasser der Trinkkur trinkt man bewusster, in kleinen Schlucken, fast gehorsam. Der gebogene Ausguss führt das heiße Mineralwasser in den Mund, medizinisch und zeremoniell zugleich. Diesmal erzählt kein Bodenstempel die Geschichte. Höchstens ein Aufkleber verrät „Made in China“. Entscheidend ist hier nicht, wo der Becher hergestellt wurde, sondern wofür er steht: für den Kururlaub, den Ort, den erfüllten Wunsch.

Wie Marina Klimchuk in ihrer Reportage über eine Trinkkur mit ihrer Mutter beschreibt, war Karlsbad für viele sowjetisch geprägte Menschen ein nahezu unerreichbares Sehnsuchtsziel. Auch der Trinkbecher meiner Großeltern lässt sich in diesem Zusammenhang weniger als Herkunftsobjekt denn als Zeichen eines später erfüllten Wunsches lesen.

Dieses ozdorovlenije, diese selbstverordnete Wiederherstellung von Gesundheit, war für die sowjetisch geprägte Generation vielleicht auch deshalb so aufgeladen: Der Körper hatte zu funktionieren, zu arbeiten und auszuhalten. In Karlovy Vary (Karlsbad) durfte er behandelt, beobachtet, gespült und umsorgt werden. In diesem Becher lag weniger Herkunft als Erfüllung: Wir waren dort. Wir hatten aus den Quellen getrunken. Wir konnten uns das leisten.

Eine andere Form von Hausmedizin stand gleich daneben: Wodka. Den Wodka sollte man aus der Karpfenfamilie trinken: einer großen Fischkaraffe mit sechs kleinen Fischbechern, einem sowjetischen Porzellan-Trinkset in Fischform. Der Bodenstempel ist schlecht zu erkennen, lässt sich aber mit Polonne verbinden, also mit der Ukrainischen SSR. Gerade hier ist Genauigkeit wichtig. „Made in USSR“ heißt sowjetisch. Es heißt nicht automatisch russisch. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine lese ich solche Stempel anders.

„Aus der Fischkaraffe zu trinken ist umständlich“, erzählte Baba einmal, als sie die Karpfenfamilie auspackte. Die Mundöffnung der Fische sei seltsam, die kleinen Becher lägen merkwürdig in der Hand. Wahrscheinlich griff man bei Festen deshalb doch wieder zu den Rjumki, den vertrauten Schnapsgläschen. Die Karpfenfamilie kam erst einige Jahre nach der Einreise meiner Großeltern nach Deutschland zu uns. Als Trinkgeschirr war sie unpraktisch. Als Schaustück war sie überzeugend. Sie schwamm durch die Familienfeiern, auch wenn sie meistens hinter Glas blieb.

Wer den Schrank öffnete, sah auch, wie getrunken wurde. Zwischen Pialki, Karlsbader Trinkbecher und Fischkaraffe spannte sich eine kleine Geografie des Trinkens auf: Tee am Tisch, Wasser auf Kur, Wodka bei Festen. Jedes Gefäß führte die Hand anders zum Mund. Jedes erzählte, woher die Familie kam, wohin man gereist war und für wen man den Tisch deckte.

Am stärksten funkelt das Bleikristall, als würde es sich dagegen sträuben, eingepackt zu werden. Es ist kalt, schwer und feierlich. In der Sowjetunion war solches Glas schwer zu bekommen. In der Mangelwirtschaft diente Besitz als Vorsorge, Statussymbol und manchmal als Ersatzwährung. Mein Deda war schon zwei Jahre in Deutschland, als er noch einmal nach Kasachstan fuhr. Er brach mit einem Koffer voller Geschenke auf und kam mit einem Koffer voller Bleikristall zurück, das Verwandte für ihn aufbewahrt hatten. Er trank wenig, aber den Besuchswodka zelebrierte er in diesen Gläsern. Was man hatte, bewahrte man auf. Was glänzte, zeigte man. Was selten war, schonte man. Die Gläser standen in der Vitrine wie kleine Beweise dafür, dass man etwas erhalten, behalten und über Grenzen gebracht

Diese Haltung ist mit den alten Schrankwänden nicht verschwunden. Ich höre ihr Echo heute in einem anderen Satz. Mein Mann Marko, war sechs oder sieben Jahre alt, als die DDR endete. Seine Geschichte verlief anders als die meiner Familie. Und doch berühren sich zwei Mangelbiografien in kleinen Gesten. Wenn er in Freiburger Verschenkekörbchen brauchbare Kleinigkeiten findet, freut er sich. Ein schönes Glas, eine Silberkanne, eine Teedose, ein Holzteller. Er prüft es, nimmt es mit, gibt ihm eine zweite Chance. „Besser haben als brauchen“, sagt er dann. Ich lache darüber, weil der Satz so familiär klingt. Zugleich steckt darin ein eingeübtes Wissen: Dinge können fehlen. Dinge können später wichtig werden. Dinge verdienen Aufmerksamkeit, bevor man sie wegwirft.

Vielleicht sehe ich die Schrankwand deshalb heute anders. Als Kind sah ich Glanz und Verbot. Später erkannte ich eine Kultur des Aufhebens. Baba bewahrte die guten Sachen für Gäste auf. Gerade weil sie dem Alltag entzogen waren, erzählten sie viel über ihn. Sie zeigten, wie eng Sparsamkeit, Stolz, Vorsicht und Schönheit zusammenliegen können.

In der Kristallschale kleben die alten ausgelaufenen Lutschbonbons. Die Spitzendeckchen liegen steif und weiß unter den Gläsern. Die gehäkelte Melone ist zu weich, um Obst zu sein, und zu sorgfältig gearbeitet, um bloß Spaß zu machen. Die Fischkaraffe, aus der bei Festen auch Wodka getrunken wurde, sieht aus, als hätte sie selbst schon zu viele Trinksprüche gehört.

Die Schrankwand verklärt diese Geschichte nicht. Sie macht ihre Widersprüche sichtbar. Geschmack und Kitsch liegen nah beieinander. Festlichkeit und Staub auch. Manche Dinge liebte man, manche bewachte man, manche behielt man aus Gewohnheit. Einige richteten sich nach innen, an die eigene Erinnerung. Andere erwarteten den Blick der Gäste. Baba wusste, was wohin gehörte. Die Vitrine war kein Zufall.

Mieke Bal hilft, diese Ordnung zu verstehen. Geschichte erscheint in solchen Arrangements durch Auswahl, Nähe, Licht, Glas und Rahmung. Sie liegt nicht einfach in den Dingen. Sie entsteht dadurch, wie Menschen Dinge zeigen, schonen, erklären oder verschweigen. Tilmann Habermas hilft, ihre emotionale Kraft zu verstehen: Geliebte Objekte stabilisieren Übergänge. Sie geben einem Leben, das Orte wechseln musste, eine Form von Kontinuität. In meinem früheren Aufsatz habe ich die Wohnzimmerschrankwand genau in diesem Sinn beschrieben: Sie bewahrt das Gesammelte und stellt es aus. Das Wohnzimmer wird zum Museum der Wohnung.

Die Fensterfalz meiner Illustration gibt diesem Hängenbleiben vor der Vitrine eine Form. Geschlossen zeigt sie die Schrankwand als ruhige Front aus Holz, Glas, Griffen und Spiegelungen. Geöffnet treten die Dinge hervor. Die Seitenflügel bleiben Schranktüren und werden zugleich zu Bildflächen für kleine Objektgeschichten. So entsteht eine Altarfaltung des Alltags: außen die verschlossene Vitrine, innen die Wunderkammer, dazwischen der Moment, in dem der Blick an den Dingen hängen bleibt.

In diesem geöffneten Schrank liegt eine russlanddeutsche Kulturgeschichte, die zuerst gesehen, berührt, gerochen und erinnert wird. Sie ist polyphon und zugleich anschlussfähig: Wer hineinschaut, sieht die Dinge von Baba und Deda und erinnert sich vielleicht an die Schätze der eigenen Großeltern, an gute Gläser hinter Glas, an geschonte Tassen, an Bonbonschalen, Spitzendeckchen und den besonderen Glanz des Aufbewahrten.

Nun lässt sich der Schrank mit den eigenen Erinnerungen füllen: vielleicht mit dem Schrank einer Kindheit in Deutschland, vielleicht mit einer der sowjetischen Schrankwände, die sich von Kasachstan bis ins Baltikum ähnelten und doch in jeder Familie andere Dinge bewahrten. Was stand hinter dem Glas der eigenen Eltern oder Großeltern? Welche Dinge waren zu kostbar für den Alltag, welche wurden gezeigt, geschont, weitergegeben? Und welche Geschichten würden sie heute erzählen?

Weiterführende Literatur

  • Arjun Appadurai (Hrsg.), The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge 1986.
  • Mieke Bal, „Telling Objects: A Narrative Perspective on Collecting“, in: John Elsner / Roger Cardinal (Hrsg.), The Cultures of Collecting, London 1994, S. 97–115.
  • Klaus Boll, Kulturwandel der Deutschen aus der Sowjetunion. Eine empirische Studie zur Lebenswelt russlanddeutscher Aussiedler in der Bundesrepublik, Marburg 1993.
  • Tilmann Habermas, Geliebte Objekte. Symbole und Instrumente der Identitätsbildung, 2., rev. Aufl., Frankfurt am Main 1999.
  • Igor Kopytoff, „The Cultural Biography of Things: Commoditization as Process“, in: Arjun Appadurai (Hrsg.), The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge 1986, S. 64–91.
  • Marina Klimchuk: „Zum Wohl. Wie ich mit meiner Mutter nach Karlsbad auf Trinkkur fuhr und dabei fast in Sowjetnostalgie versank“, in: DIE ZEIT, Nr. 1/2024, 30. Dezember 2023, https://www.zeit.de/2024/01/karlsbad-trinkkur-wasser-geschichte-sowjetunion/komplettansicht (zuletzt abgerufen am 16. Juli 2026).
  • Alena V. Ledeneva, Russia’s Economy of Favours. Blat, Networking and Informal Exchange, Cambridge 1998.
  • Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt am Main 1990.
  • Marcel Mauss, „Les techniques du corps“, in: Journal de Psychologie, 32, 1936, S. 271–293.
  • Daniel Miller (Hrsg.), Home Possessions. Material Culture Behind Closed Doors, Oxford / New York 2001.
  • Natalja Salnikova, „Mir kommt es vor, als hätte ich zwei Leben, eins in Kasachstan und eins hier. Bilderwelten einer russlanddeutschen Migration“, in: Markus Kaiser / Michael Schönhuth (Hrsg.), Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien, Bielefeld 2015, S. 315–353.
  • Natalja Salnikova, „Zwischen Bleikristallglas, Mantovarka und Puškin. Das russlanddeutsche Zuhause als Identitätsspiegel einer Aussiedlergemeinschaft“, in: Elisabeth Fendl / Tilman Kasten / Werner Mezger / Michael Prosser-Schell / Hans-Werner Retterath / Teresa Volk (Hrsg.), Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde. Schwerpunkt: Auf nach Übersee! Deutsche Auswanderung aus dem östlichen Europa, Münster 2013, S. 150–177.