Sowjetische Kriegsgefangene und russlanddeutsche Erinnerungsperspektiven bei Gedenkstättenfahrten

Einleitung
Gedenkstätten sind zentrale Orte der historisch-politischen Bildungsarbeit. Sie erinnern an historische Ereignisse und Verbrechen, dokumentieren ihre Geschichte und ermöglichen die Auseinandersetzung mit deren Folgen und Nachwirkungen. Zugleich sind Gedenkstätten Teil der öffentlichen Erinnerungskultur: An ihnen lässt sich untersuchen, wessen Geschichte erinnert wird, welche Perspektiven sichtbar werden und wie sich Formen des Erinnerns im Laufe der Zeit verändern. Damit sind Gedenkstätten nicht nur Orte der Auseinandersetzung mit Vergangenheit, sondern auch Orte, an denen gegenwärtige Fragen zu Erinnerung, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Zusammenleben verhandelt werden.
Dies gilt insbesondere für eine von Migration geprägte Gesellschaft. Wenn unterschiedliche Familien, Gruppen und Generationen mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen auf die Vergangenheit blicken, stellt sich die Frage, wie vielfältige Erinnerungsperspektiven in der öffentlichen Erinnerungskultur berücksichtigt werden können. Eine diversifizierte Erinnerungskultur bedeutet dabei nicht, historische Ereignisse oder Opfergruppen gleichzusetzen. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche historische Erfahrungen sichtbar zu machen, ihre jeweiligen Kontexte zu berücksichtigen und ihre Beziehungen zueinander zu untersuchen.
Die Zentralstelle für die Förderung von Gedenkstättenfahrten beim Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk gGmbH (IBB) unterstützt außerschulische Organisationen bei der Durchführung von Gedenkstättenfahrten zu Lernorten der NS-Geschichte im In- und Ausland. Die Förderung erfolgt im Rahmen der entsprechenden Bundesförderung, unter anderem über das Bundesprogramm „Jugend erinnert“.
Als außerschulische Lernorte ermöglichen Gedenkstätten eine unmittelbare Auseinandersetzung mit historischen Orten und ihren Geschichten. Die Verbindung von historischer Information, räumlicher Erfahrung, biografischen Zugängen und pädagogischen Methoden kann Jugendlichen ermöglichen, historische Zusammenhänge eigenständig zu erschließen und Fragen an den Ort zu entwickeln.
Der vorliegende thematische Impuls möchte Multiplikator*innen unterschiedliche thematische und methodische Zugänge für die Vorbereitung und Durchführung einer Gedenkstättenfahrt aufzeigen. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen im Kontext des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Ergänzend werden russlanddeutsche Perspektiven auf Geschichte und Erinnerung einbezogen. Dadurch soll eine Verbindung zwischen NS-Geschichte, sowjetischer Nachgeschichte, Migration und gegenwärtiger Erinnerungskultur hergestellt werden.
Der Impuls verfolgt dabei drei Ziele: Erstens soll er exemplarisch zeigen, wie ein außerschulisches Vorbereitungstreffen für eine Gedenkstättenfahrt gestaltet und welche regionalen Lernorte dabei einbezogen werden können. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Erinnerungsorten in Nordrhein-Westfalen und angrenzenden Regionen.
Zweitens soll der Impuls die Geschichte sowjetischer Kriegsgefangener als möglichen Schwerpunkt einer Gedenkstättenfahrt vorstellen. Die nationalsozialistischen Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen gehören zu den zentralen Verbrechen des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Millionen Angehörige der Roten Armee gerieten in deutsche Gefangenschaft; ein erheblicher Teil von ihnen überlebte die deutsche Kriegsgefangenschaft nicht. Holocaust-Enzyklopädie
Drittens wird die Perspektive auf russlanddeutsche Geschichte und Erinnerung einbezogen. Dadurch kann thematisiert werden, wie Erfahrungen von Deportation, Zwangsarbeit, Migration und Aussiedlung in Familien erinnert werden und welche Bedeutung sie für Vorstellungen von Zugehörigkeit und Identität haben können. Ziel ist es, unterschiedliche Erinnerungsperspektiven sichtbar zu machen, ohne historische Erfahrungen miteinander gleichzusetzen oder gegeneinander aufzurechnen.
Ein regionaler Schwerpunkt auf Nordrhein-Westfalen bietet sich unter anderem aufgrund des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold an, das einen spezifischen Zugang zur Geschichte und Erinnerung der Russlanddeutschen ermöglicht.
Der Impuls kann sowohl als mehrtägiges außerschulisches Vorbereitungstreffen als auch im Rahmen einer Projektwoche eingesetzt werden. Die einzelnen Module können je nach Zielgruppe, zeitlichem Umfang und Vorwissen gekürzt, erweitert oder mit Unterrichtseinheiten verbunden werden. Sie verstehen sich als Vorschläge und sollen bei der Konzeption eines Vorbereitungstreffens bzw. einer Gedenkstättenfahrt Orientierung geben.
Was sind Russlanddeutsche?
Unter Russlanddeutschen werden Menschen verstanden, deren Vorfahren seit dem 18. Jahrhundert aus verschiedenen deutschen Regionen in das Russische Reich einwanderten und deren Nachkommen in unterschiedlichen Gebieten des Russischen Reiches und später der Sowjetunion lebten. Die Geschichte der Russlanddeutschen ist von unterschiedlichen Migrationserfahrungen, politischen Umbrüchen und staatlichen Repressionen geprägt.
Insbesondere während der stalinistischen Herrschaft waren Deutsche in der Sowjetunion von Repressionen betroffen. Bereits in den 1930er Jahren kam es zu Verfolgungsmaßnahmen und Deportationen. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurden große Teile der deutschen Bevölkerung aus dem europäischen Teil der Sowjetunion deportiert. Der Erlass vom 28. August 1941 bildete hierfür einen zentralen Ausgangspunkt. Die Deportierten wurden unter anderem nach Sibirien und Kasachstan verbracht; zahlreiche Männer und Frauen wurden später zur Arbeit in der sogenannten Arbeitsarmee herangezogen.
Die Deportationen und die anschließenden Lebensbedingungen wirkten sich tiefgreifend auf Familien, Sprache, Kultur und individuelle Lebenswege aus. Bis in die Nachkriegszeit unterlagen viele Deutsche in der Sowjetunion als sogenannte Sondersiedler Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit und anderer Rechte.
Die Erinnerung an diese Erfahrungen ist jedoch nicht einheitlich. In Teilen der russlanddeutschen Erinnerungskultur werden die Deportation, die Arbeitsarmee und die anschließende Verbannung als zentrale Erfahrungen der eigenen Familiengeschichte erinnert. Teilweise wird diese Geschichte auch als Verfolgung durch zwei Diktaturen bzw. als Erfahrung zweier unterschiedlicher totalitärer Systeme interpretiert. Diese Perspektive ist eine Erinnerungs- und Deutungsperspektive innerhalb eines heterogenen gesellschaftlichen Feldes und sollte nicht auf alle Russlanddeutschen übertragen werden.
Mit der zunehmenden Ausreisebewegung seit den 1970er und insbesondere 1980er Jahren sowie nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen mehrere Millionen (Spät-)Aussiedler*innen und ihre Angehörigen aus der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten nach Deutschland. Dabei handelt es sich um eine heterogene Gruppe mit unterschiedlichen regionalen, religiösen, sprachlichen und familiären Hintergründen.
Die Auseinandersetzung mit russlanddeutschen Erinnerungsperspektiven kann deshalb einen Beitrag dazu leisten, die Vielfalt von Familien- und Migrationsgeschichten innerhalb der deutschen Erinnerungskultur sichtbar zu machen. Dabei steht nicht die Gegenüberstellung verschiedener Opfergruppen im Vordergrund, sondern die Frage, wie unterschiedliche historische Erfahrungen erinnert, weitergegeben und in der Gegenwart interpretiert werden.
Leitfrage
Welche unterschiedlichen Erfahrungen machten Menschen während des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und wie werden diese Erfahrungen bis heute erinnert?
Zielsetzung
Die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen eröffnet einen Zugang zu einer Opfergruppe, deren Geschichte in der öffentlichen Erinnerung lange weniger sichtbar war. Im Mittelpunkt steht dabei die Einordnung der deutschen Kriegsgefangenenpolitik in den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Frage, wie sich ideologische Vorstellungen, militärische Entscheidungen und konkrete Gewaltpraktiken miteinander verbanden.
Gleichzeitig wird deutlich, dass der deutsche Überfall auf die Sowjetunion unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auf unterschiedliche Weise betraf. Neben sowjetischen Kriegsgefangenen waren unter anderem Jüdinnen und Juden, die Zivilbevölkerung, politische Gegnerinnen, Menschen mit Behinderungen sowie Zwangsarbeiterinnen und weitere Gruppen von nationalsozialistischer Verfolgung, Ausbeutung und Ermordung betroffen.
Die Einbindung russlanddeutscher Perspektiven erweitert diese historische Betrachtung um die Nachgeschichte und die Frage, wie Erfahrungen von Deportation, Zwangsarbeit, Migration und Ausgrenzung in Familien und Gesellschaften erinnert werden. Dadurch werden Kontinuitäten und Brüche von Erinnerung, Migration und Identität bis in die Gegenwart sichtbar.
Der vorliegende Leitfaden stellt einen Vorschlag für ein Vorbereitungstreffen zu einer Gedenkstättenfahrt mit dem Schwerpunkt „Sowjetische Kriegsgefangene und russlanddeutsche Erinnerungsperspektiven“ dar. Die Vorbereitung vermittelt historisches Grundwissen, klärt zentrale Begriffe und bereitet die Teilnehmenden auf die Auseinandersetzung mit den historischen Orten vor. Im Mittelpunkt stehen die nationalsozialistischen Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen im Kontext des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Ausgehend von den Lernorten Wewelsburg/Niederhagen und Stalag 326 (VI K) Senne setzen sich die Teilnehmenden mit ideologischen Grundlagen, Täterstrukturen, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken sowie Opfererfahrungen auseinander. Anschließend wird die Nachgeschichte der Verbrechen und ihre Erinnerung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten betrachtet. Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold eröffnet hierfür einen Zugang zu russlanddeutschen Familiengeschichten, Migrationserfahrungen, Selbst- und Fremdzuschreibungen sowie gegenwärtigen Fragen von Erinnerung und Zugehörigkeit.
Modul 1
Die NS-Rassenideologie und der Überfall auf die Sowjetunion
Schwerpunkte
Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion
- Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion
- Der Krieg als ideologisch motivierter Vernichtungskrieg
- NS-Rassenideologie
- Der Generalplan Ost
- Rolle von Wehrmacht und SS
Leitfrage
Welche Folgen hatte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen?
Methoden
- Kartenarbeit
- Zeitleiste
- historische Fotografien
- kurze Quellenanalyse
- Biografiearbeit
Orte
Beispielort: Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-1945
Über die Gedenkstätte
Die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 widmet sich der Geschichte der SS während der NS-Herrschaft und ihrer Tätigkeit in Wewelsburg. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Geschichte des Konzentrationslagers Niederhagen/Wewelsburg und den Verbrechen, die von der SS an den dort inhaftierten Menschen verübt wurden.
Die Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“ befindet sich im ehemaligen SS-Wachgebäude. Sie verbindet die lokale Geschichte Wewelsburgs mit der Entwicklung der SS und vermittelt deren ideologische Grundlagen, Organisationsstrukturen sowie die daraus hervorgegangene Verfolgungs- und Vernichtungspolitik.
Historischer Kontext
Heinrich Himmler ließ die Wewelsburg ab 1934 für die SS nutzen und entwickelte sie zu einem repräsentativen Ort für die Führung der Organisation. Die ursprünglichen Pläne für eine SS-Schulungsstätte wurden zunehmend erweitert. In den folgenden Jahren entstanden weitreichende Vorstellungen für einen monumentalen SS-Komplex, dessen Mittelpunkt die Wewelsburg bilden sollte. Für die Umsetzung der Bauvorhaben wurden KZ-Häftlinge eingesetzt.
Eine besondere Bedeutung für die Einordnung Wewelsburgs in den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion hat ein Treffen hochrangiger SS-Führer vom 12. bis 15. Juni 1941. Es fand unmittelbar vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion statt. Unter den Teilnehmern befanden sich neben Reinhard Heydrich, Kurt Daluege und Karl Wolff auch Friedrich Jeckeln, Erich von dem Bach-Zelewski und Adolf Prützmann, die später als Höhere SS- und Polizeiführer in den besetzten sowjetischen Gebieten eingesetzt wurden. Bei dem Treffen wurden keine konkreten operativen Entscheidungen für den bevorstehenden Krieg getroffen. Es verdeutlicht jedoch die ideologische Vorbereitung und Selbstverständigung der SS-Führung vor dem geplanten Vernichtungskrieg.
Die monumentalen Ausbaupläne für die Wewelsburg wurden durch die SS weiterverfolgt. Nach den Planungen des Architekten Hermann Bartels sollte rund um die Burg eine großflächige Anlage aus Gebäuden und Wällen entstehen. Zur Durchführung der Bauarbeiten wurde 1939 ein Konzentrationslager eingerichtet, das 1941 zum selbstständigen KZ Niederhagen/Wewelsburg wurde.
Mehr als 3.900 Menschen wurden in das Lager deportiert. Mindestens 1.229 Häftlinge starben infolge der Haft- und Arbeitsbedingungen, von Misshandlungen und der Gewalt der SS. Darüber hinaus wurden mindestens 56 Menschen durch die Gestapo auf dem Lagergelände oder an einem nahegelegenen SS-Schießstand ermordet.
Nach der Niederlage der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad im Frühjahr 1943 wurde der Ausbau der Wewelsburg eingestellt. Das KZ wurde bis auf ein aus 42 Häftlingen bestehendes Restkommando aufgelöst. Am 31. März 1945 versuchte ein SS-Sprengkommando, die Burg zu zerstören. Drei Tage später, am 2. April 1945, erreichten US-amerikanische Truppen Wewelsburg und befreiten die verbliebenen KZ-Häftlinge.
Das ehemalige Lagergelände wird heute durch den GeDenkOrt dokumentiert. Dort wird nicht nur die Geschichte des KZ Niederhagen vermittelt, sondern ausdrücklich auch die Nachnutzung des Lagergeländes und verschiedene Formen von Zwangsmigration im 20. Jahrhundert thematisiert. Nach 1945 wurde das Gelände zunächst als DP-Lager genutzt. Ab 1947 wurden dort Geflüchtete und Vertriebene aus Ost- und Mitteleuropa untergebracht.
Pädagogischer Aspekt
Wewelsburg bietet einen geeigneten Ausgangspunkt, um die nationalsozialistische Ideologie, die SS als zentralen Akteur der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik sowie den Zusammenhang zwischen ideologischer Vorbereitung und konkreter Gewalt zu thematisieren. Für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte sowjetischer Kriegsgefangener und der Deutschen in der Sowjetunion eröffnet insbesondere das Gruppenführertreffen im Juni 1941 einen Zugang zum bevorstehenden Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Die Geschichte des KZ Niederhagen macht zugleich sichtbar, wie die nationalsozialistischen Großbaupläne auf der Ausbeutung und Ermordung von KZ-Häftlingen beruhten.
Die Auseinandersetzung mit dem historischen Ort kann darüber hinaus als Ausgangspunkt dienen, um nach der Nachgeschichte von NS-Verbrechensorten und dem Umgang mit deren baulichen Überresten zu fragen. Der heutige GeDenkOrt Niederhagen erweitert diese Perspektive um die Geschichte von Zwangsmigration nach 1945 und ermöglicht damit eine Verbindung zum übergeordneten Thema des Vorbereitungstreffens.
Die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-1945 verfügt über ein umfassendes pädagogisches Programm für Jugendgruppen. Es ist möglich, einzelne Führungen zu buchen sowie ganze Projekttage vor Ort durchzuführen. Eine Auswahl des aktuellen Angebots (Stand 2026) passend zum Themenmodul:
Führung: Geschichte des Ortes Wewelsburg während der NS-Zeit, Grundlagen der Ideologie der SS
- Historische Räume im ehemaligen SS-Wachgebäude und Nordturm
- Besuch der Ausstellung: Lokale Geschichte der SS Wewelsburg und des KZ Niederhagen, ideologische Grundlagen der SS
- Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nach dem Krieg + heutige Rezeption des Ortes
- Besuch des ehemaligen KZ-Geländes
- Dauer 3 Stunden
Beispielprogramm: Studientage mit 3 Themenbausteinen
Informationen zu den Studientagen und Themenbausteinen
- ganztägig 10-17 Uhr
- Thematische Einführung
- Überblicksführung durch die Dauerausstellung
- Einzel- oder Kleingruppenarbeit in der Dauerausstellung oder im Ort individuell gestaltet
- Themenbausteine
- Lebenswege von Opfern der SS-Gewalt in Wewelsburg
- Beschäftigung mit Lebenswegen ehemaliger KZ-Häftlinge im Vordergrund
- Erinnerungsberichte, Fotos, Briefe und Interviews
- SS-Männer in Wewelsburg
- Historische Quellen wie Briefe, Akten, Fotos oder Memoiren geben einen Einblick in Biografien von SS-Männern
- Kleingruppenarbeit zu den Aufgaben und das Verhalten der SS-Männer, Motive, Selbsteinschätzung und das Leben nach dem Krieg
- Ein weiterer Themenbaustein nach Wahl
- Lebenswege von Opfern der SS-Gewalt in Wewelsburg
- Präsentation der Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen
Thema: Die Wewelsburg als Täterort
- Aufstieg der SS
- Heinrich Himmlers Vorstellungen einer neuen Ordnung Europas
- Die Wewelsburg als ideologisches Zentrum der SS
- NS-Rassenideologie
- Generalplan Ost als Zukunftsvision nationalsozialistischer Herrschaft
Methoden
- Quellenarbeit mit SS-Dokumenten
- Bildanalyse
- Gruppenarbeit zu Ideologiebegriffen
- Arbeit mit Karten des Generalplans Ost
Leitfragen
- Wie entstehen Feindbilder?
- Welche Rolle spielte Ideologie für die Gewaltpolitik des NS-Regimes?
- Wie wurden Menschen in „wertvoll“ und „minderwertig“ eingeteilt?
Weiterführende Informationen
Kreismuseum Wewelsburg
Burgwall 19
33142 Büren-Wewelsburg
Deutschland
Ein Beratungsgespräch mit der Gedenkstätte ist rechtzeitig vor dem Besuch obligatorisch: Tel. 02955 7622-0
Weitere Infos zu den Bildungsangeboten
Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 10-17 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage 10-18 Uhr
Montags, Heiligabend, 1. Weihnachtstag, Silvester und Neujahr geschlossen

Modul 2 – Gewalt- und Verfolgungserfahrungen ab 1941
Schwerpunkte
Baustein 1: Sowjetische Kriegsgefangene
- rechtlicher Status
- Stalag-System
- Hungerpolitik
- Zwangsarbeit
- Massensterben
Baustein 2: Deutsche in der Sowjetunion
- Warum Deutsche in der Sowjetunion?
- Ukas vom 28. August 1941 und Deportationen
- Arbeitsarmee
- Sonderkommandantur
- Auswirkungen auf Familien
Lernziel
Die Teilnehmenden verstehen, weshalb sowjetische Kriegsgefangene eine eigenständige Opfergruppe nationalsozialistischer Verbrechen darstellen. Die Teilnehmenden lernen die Gruppe der Deutschen in der Sowjetunion kennen und verstehen die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf ihr Leben in der Sowjetunion.
Die beiden Themen werden nicht miteinander gleichgesetzt. Sie verdeutlichen vielmehr, wie der deutsche Angriff auf die Sowjetunion unterschiedliche Formen staatlicher Gewalt auslöste – einerseits die nationalsozialistische Verbrechen gegen sowjetische Kriegsgefangene, andererseits die stalinistische Deportation der deutschen Minderheit in der Sowjetunion.
Orte
Beispielort: Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne
Über die Gedenkstätte
Die Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne befindet sich im ehemaligen Arrestgebäude des gleichnamigen Kriegsgefangenenlagers auf dem heutigen Gelände des Polizeibildungsinstituts „Erich Klausener“ des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Dauerausstellung informiert über die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 (VI K) Senne und insbesondere über das Schicksal der dort inhaftierten Kriegsgefangenen.
Historischer Kontext
Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann der nationalsozialistische Vernichtungskrieg im Osten Europas. Zwischen 5,3 und 5,7 Millionen Soldaten der Roten Armee gerieten während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Kriegsgefangenschaft. Mindestens 2,6 Millionen von ihnen überlebten die Gefangenschaft nicht.
Ab Juli 1941 wurden im Stalag 326 (VI K) Senne bis zur Befreiung des Lagers am 2. April 1945 mehr als 300.000 sowjetische Kriegsgefangene registriert. Das Lager diente als zentrales Durchgangs- und Arbeitskräftereservoir für den Einsatz in Ostwestfalen-Lippe sowie insbesondere im Ruhrbergbau.
Als die ersten rund 4.000 sowjetischen Kriegsgefangenen eintrafen, bestand das Lagergelände zunächst lediglich aus einem umzäunten Feld; Unterkünfte waren noch nicht errichtet. Die Gefangenen mussten die Baracken unter den Bedingungen ihrer eigenen Gefangenschaft errichten.
Ab 1942 wurden zusätzlich Kriegsgefangene anderer Nationen – unter anderem aus Frankreich, Italien, Polen und Serbien – im Lager untergebracht. Während alle Gefangenengruppen unter schwierigen Bedingungen lebten, waren sowjetische Kriegsgefangene aufgrund der nationalsozialistischen Rassenideologie systematisch besonders schlechter Versorgung, Hunger, Krankheiten und Gewalt ausgesetzt. Zehntausende starben an den Folgen dieser Behandlung.
Ehrenfriedhof
In unmittelbarer Nähe des ehemaligen Lagers befindet sich der heutige Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter, der unmittelbar nach der Befreiung des Lagers auf Initiative der britischen Militärverwaltung angelegt und als zentraler Erinnerungsort gestaltet wurde.
Wie viele Menschen dort bestattet wurden, lässt sich bis heute nicht eindeutig bestimmen. Schätzungen reichen von etwa 15.000 bis zu 65.000 Toten, die in insgesamt 36 Massengräbern beigesetzt wurden. Die große Spannweite verdeutlicht zugleich die Herausforderungen der historischen Aufarbeitung.
Die Gedenkstätte versteht sich als außerschulischer Lernort. Für Jugendgruppen stehen verschiedene individuell anpassbare Bildungsangebote zur Verfügung. Nach terminlicher Vereinbarung sind auch Führungen außerhalb der regulären Öffnungszeiten möglich.
Pädagogischer Aspekt
Die Gedenkstätte versteht sich als außerschulischer Lernort und bietet ein breit gefächertes pädagogisches Programm für Jugend- und Erwachsenengruppen an. Führungen, Workshops und quellenbasierte Bildungsangebote können individuell an Alter, Vorkenntnisse und Interessen der Gruppe angepasst werden. Nach vorheriger Absprache sind Bildungsangebote auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten möglich.
Der Besuch der Gedenkstätte eignet sich in besonderer Weise, um die nationalsozialistische Kriegsgefangenenpolitik im Kontext des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion zu erschließen. Die Dauerausstellung vermittelt die besonderen Lebens- und Haftbedingungen sowjetischer Kriegsgefangener und ordnet deren Schicksal in die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik ein.
Anhand historischer Fotografien, Karten, Dokumente und persönlicher Biografien können die Teilnehmenden die Dimensionen des Lagers sowie die systematische Entrechtung der Gefangenen nachvollziehen. Gleichzeitig eröffnet der Ort die Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeit und der wirtschaftlichen Nutzung der Gefangenen in Ostwestfalen-Lippe und dem Ruhrgebiet zu thematisieren. Dadurch lassen sich auch regionale Bezüge herstellen und die Auswirkungen nationalsozialistischer Herrschaft auf das unmittelbare Lebensumfeld der Teilnehmenden sichtbar machen.
Ein Besuch des unmittelbar angrenzenden Ehrenfriedhofs sowjetischer Kriegstoter ergänzt die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Lagers um Fragen des Gedenkens und der Erinnerungskultur. Die bereits kurz nach der Befreiung begonnene Gestaltung des Friedhofs ermöglicht Gespräche über den Wandel von Erinnerung, den Umgang mit lange marginalisierten Opfergruppen sowie die Bedeutung historischer Orte für die Gegenwart.
Ein besonderer pädagogischer Mehrwert liegt zudem in der fortlaufenden wissenschaftlichen und erinnerungskulturellen Arbeit der Gedenkstätte. Bis heute erreichen die Mitarbeitenden jährlich rund 250 Anfragen von Angehörigen und Forschungseinrichtungen aus dem In- und Ausland, die nach Informationen über das Schicksal ehemaliger Kriegsgefangener suchen. Die Arbeit der Gedenkstätte verdeutlicht damit, dass historische Aufarbeitung und Erinnerung keine abgeschlossenen Prozesse sind, sondern bis in die Gegenwart fortwirken.
Die Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen gehört sie für viele Familien aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion – darunter auch russlanddeutsche Familien – zur eigenen Erinnerungs- und Migrationsgeschichte. Die Gedenkstätte bietet daher einen geeigneten Ausgangspunkt, um historische Ereignisse mit gegenwärtigen Fragen von Erinnerung, Migration und gesellschaftlicher Teilhabe zu verbinden.
Thematischer Zugang: Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion
- Wehrmacht und Kriegsgefangenenpolitik
- Lebensbedingungen im Lager
- Hungerpolitik
- Krankheiten und Sterblichkeit
Methoden
- Gedenkstättenführung
- Archivarbeit
- Arbeit mit Originalquellen
- Biografisches Lernen
Leitfragen
- Warum waren sowjetische Kriegsgefangene besonders gefährdet?
- Welche Verantwortung trugen Wehrmacht und NS-Staat?
Weiterführende Informationen
Gedenkstätte Stalag 326 VI K Senne
Senne Lippstädter Weg 26
33758 Schloß Holte-Stukenbrock
Telefon: 05257 / 3033
Für Führungen (Anmeldung erforderlich):
Für Fragen zum pädagogischen Angebot für Jugendliche: Oliver Nickel
Öffnungszeiten
Mittwoch von 10 bis 14 Uhr
Donnerstag von 10 bis 14 Uhr
Ausgenommen sind gesetzliche Feiertage.
Weitere Fördermöglichkeiten
Beispielort: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold
Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold wurde 1996 gegründet und ist bundesweit das erste und einzige Museum, das sich der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen widmet. Es versteht sich heute als Vermittlungs-, Forschungs-, Erlebnis- und Erinnerungsort und verbindet die Geschichte der Russlanddeutschen mit Fragen von Migration und gesellschaftlichem Zusammenleben.
Alternative Orte: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde (Berlin), Museum Friedland (Friedland)
Dauerausstellung „Ausgepackt“
Die Dauerausstellung „Ausgepackt – einwandern, auswandern, ankommen“ gibt einen Überblick über rund 250 Jahre russlanddeutscher Geschichte. Sie reicht von der Ansiedlung Deutscher im Russischen Reich über unterschiedliche Erfahrungen von Migration, Verfolgung und Ausgrenzung bis zur Einwanderung von (Spät-)Aussiedler*innen nach Deutschland und zur Gegenwart. Die 2022 vollständig überarbeitete Ausstellung arbeitet dabei verstärkt mit biografischen und sozialgeschichtlichen Zugängen und stellt die russlanddeutsche Geschichte in einen größeren Zusammenhang von Migration und gesellschaftlichem Zusammenleben.
Pädagogischer Aspekt
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Deutschen in der Sowjetunion bietet die Möglichkeit, die historische Entwicklung einer deutschsprachigen Minderheit im Russischen Reich und in der Sowjetunion kennenzulernen und insbesondere die Erfahrungen während der stalinistischen Repressionen zu vertiefen.
Die Dauerausstellung „Ausgepackt – einwandern, auswandern, ankommen“ bietet hierfür einen biografischen und sozialgeschichtlichen Zugang. Anhand von Objekten, Fotografien und persönlichen Geschichten können historische Entwicklungen mit individuellen Lebenswegen verbunden werden.
Das Museum bietet regelmäßig offene Führungen durch die Dauer- und Sonderausstellung an, individuelle Buchungen, die auch außerhalb der Öffnungszeiten liegen, wie auch in Fremdsprachen wie Englisch oder Russisch, sind auch möglich. Für jugendliche Gruppen bietet das Museum ein methodisch vielfältiges Programm an.
Im Zuge eines Vorbereitungstreffens für eine Gedenkstättenfahrt bietet sich besonders das pädagogisches Programm „Geschichte machen“ an. In ein bis drei Doppelstunden lernen die Jugendlichen hier Museumsobjekte als historische Quellen zu erschließen und ihre Darstellung im Museum zu reflektieren. Dabei beschäftigen sie sich mit Fragen nach Formen von Geschichtspräsentation, ihre Wahrnehmung und Interpretation, wie auch nach Formen von Geschichtsschreibung. Mithilfe von Methoden wie Quellenanalyse und kreativen Schreibaufgaben lernen die Jugendluchen in Sachkompetenz, Methodenkompetenz, Urteilskompetenz und Handlungskompetenz gefördert.
Thematischer Zugang: Deutsche in der Sowjetunion und ihre Vertreibung
- Entstehung und Entwicklung deutscher Siedlungen im Russischen Reich und in der Sowjetunion: Warum lebten Deutsche in der Sowjetunion?
- der Ukas vom 28. August 1941 und die Deportation der deutschen Bevölkerung aus den westlichen Gebieten der Sowjetunion
- Deportationswege und neue Siedlungsgebiete
- Arbeitsarmee und Zwangsarbeit
- Leben unter den Bedingungen der Sonderkommandantur
- Auswirkungen von Deportation, Trennung und Zwangsarbeit auf Familien und nachfolgende Generationen unterschiedliche regionale und biografische Erfahrungen der Deutschen in der Sowjetunion
Methoden
- Arbeit mit Museumsobjekten
- Historische Quellenanalyse
- Kunstbilderanalyse
- Biografiearbeit
- Familiengeschichten
Leitfragen
- Was bedeutete es, „deutsch“ zu sein in der Sowjetunion?
- Wie veränderten Revolution, Sowjetisierung und Stalinismus das Leben der deutschen Minderheit?
Weiterführende Informationen
Museum für russlanddeutsche
Kulturgeschichte
Georgstraße 24
32756 Detmold
Für Fragen zum pädagogischen Angebot für Jugendliche:
Öffnungszeiten
Di.-Fr.: 14:00-17:00 Uhr
Samstag: 10:00-16:00 Uhr
An allen Feiertagen, außer an Ostern und Weihnachten, regulär geöffnet.

Modul 3 – Erinnern nach 1945
Schwerpunkte
Thema: Erinnerungskulturen und ihre Überschneidungen
- Befreiung 1945
- Umgang mit ehemaligen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion
- Tabuisierung der Kriegsgefangenschaft
- Erinnerung in Deutschland, Russland, der Ukraine und weiteren Nachfolgestaaten der Sowjetunion
- Erinnerung in russlanddeutschen Familien
- Aussiedlung nach Deutschland
Leitfragen
- Wer erinnert? Wer wird erinnert?
- Wie unterscheiden sich individuelle, familiäre und öffentliche Erinnerungen?
- Wie entstehen Selbst- und Fremdzuschreibungen?
Gegenwartsbezug
- Familienerinnerungen
- Mehrfachzugehörigkeiten
- Sichtbarkeit russlanddeutscher Geschichte in Deutschland
Methoden
- Analyse von Denkmälern
- Objektarbeit
- Biografiearbeit
- Familiengeschichten
Lernziel
Die Teilnehmenden erkennen, dass Erinnerungen an den Nationalsozialismus und an stalinistische Repressionen unterschiedliche historische Hintergründe besitzen, sich jedoch in Familienbiografien und Erinnerungskulturen überschneiden können.
Orte
Beispielort: Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegsgefangener (Stalag 326 (VI K) Senne)
Nach der Befreiung des Lagers durch US-amerikanische Truppen am 2. April 1945 wurde der heutige Ehrenfriedhof auf Initiative ehemaliger Kriegsgefangener als würdiger Begräbnis- und Erinnerungsort für die verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen gestaltet. Bereits am 2. Mai 1945 wurde der Friedhof feierlich eingeweiht. Im Zentrum stand ein Obelisk, dessen Spitze ursprünglich die Flagge der Sowjetunion trug. Heute befindet sich dort ein orthodoxes Kreuz. Diese Veränderung verweist bereits auf den Wandel von Erinnerungskultur und den unterschiedlichen Umgang mit dem historischen Ort im Laufe der Zeit.
Bis heute finden auf dem Ehrenfriedhof regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt. Dabei wird der Ort von unterschiedlichen Akteur*innen – darunter Angehörigen, zivilgesellschaftlichen Initiativen, Vertreterinnen verschiedener Staaten sowie öffentlichen Institutionen – für das Erinnern und Gedenken genutzt. Dadurch eignet sich der Ehrenfriedhof in besonderer Weise, um Erinnerungskultur als dynamischen Prozess zu thematisieren: Wer erinnert an wen? Welche Formen des Gedenkens verändern sich im Laufe der Zeit? Welche Rolle spielen gesellschaftliche und politische Entwicklungen für den Umgang mit historischen Orten?
Für die Bildungsarbeit bietet der Ehrenfriedhof die Möglichkeit, den Übergang von der Geschichte des Lagers zur Nachgeschichte und Erinnerungskultur zu gestalten. Ausgehend vom historischen Ort können Fragen nach individueller und kollektiver Erinnerung, nach dem Wandel von Gedenkpraktiken sowie nach der Bedeutung von Gedenkstätten für gegenwärtige gesellschaftliche Debatten gemeinsam mit den Teilnehmenden reflektiert werden.
Thematischer Schwerpunkt: Entstehen eines Gedenkorts und Gedenken heute
- Befreiung des Lagers am 2. April 1945
- Errichtung des ersten Ehrenmals
- Erinnerungskultur in Deutschland
- Erinnerungskultur in Russland, der Ukraine und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion
Methoden
- Gedenkstättenpädagogischer Rundgang
- Analyse von Denkmälern
- Reflexionsgespräche
- Gruppenarbeit zu Erinnerungskulturen
Leitfragen
- Welche Rolle spielt der Zweite Weltkrieg heute?
- Warum unterscheiden sich Erinnerungskulturen?
- Welche Auswirkungen haben aktuelle Konflikte auf das Erinnern?
Beispielort: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold
Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte eignet sich insbesondere als Lernort für die Nachgeschichte und erinnerungskulturelle Auseinandersetzung. Die biografischen und sozialgeschichtlichen Zugänge der Dauerausstellung ermöglichen es, historische Erfahrungen von Migration, Verfolgung, Deportation und Aussiedlung anhand individueller Lebensgeschichten nachzuvollziehen.
Die Auseinandersetzung mit Fremd- und Selbstwahrnehmungen ermöglicht darüber hinaus einen Transfer in die Gegenwart. Die Teilnehmenden können reflektieren, wie Identität und Zugehörigkeit entstehen, wie gesellschaftliche Bilder von Migrant*innen geprägt werden und welche Rolle individuelle und kollektive Erinnerung dabei spielen. Das Museum bietet damit einen geeigneten Abschluss einer Gedenkstättenfahrt, die von der Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Verbrechen zu Fragen von Nachgeschichte, Migration und Erinnerungskultur in der Gegenwart führt.
Sonderausstellung „Constructing Identity“
Die Sonderausstellung „Constructing Identity – Fremd- und Selbstwahrnehmungen Russlanddeutscher“ beschäftigt sich mit der Frage, wie Russlanddeutsche im Laufe der Zeit beschrieben und wahrgenommen wurden und wie sie sich selbst beschreiben. Unterschiedliche Bilder, Akteur*innen und Exponate zeigen, wie Vorstellungen von „Eigenem“ und „Fremdem“ entstehen und sich verändern. Die Ausstellung regt dazu an, Stereotype und Vorurteile kritisch zu hinterfragen und die Vorstellungen davon, was als „deutsch“ gilt, zu reflektieren. Damit eröffnet sie zugleich einen Zugang zu gegenwärtigen Debatten über Migration, Zugehörigkeit und Identität. (Stand 2026)
Thematischer Schwerpunkt: Russlanddeutsche Perspektiven in einer postmigrantischen Erinnerungskultur
- Selbst- und Fremdzuschreibungen
- „Russlanddeutsch“ – was bedeutet das eigentlich?
- Migration und Identität
- Erinnerung und Identität
- Überschneidungen von Erinnerungskulturen (in der Migrationsgesellschaft)
Methoden
- Objektbiografie
- Biografisches Lernen
- Ausstellungsanalyse
- Perspektivwechsel
Leitfragen
- Welche Bedeutung können Krieg, Deportation, Flucht und Migration für nachfolgende Generationen haben?
- Welche Geschichten gehören zur deutschen Erinnerungskultur und welche darin sind weniger sichtbar?
- Wer entscheidet, wer als „deutsch“ gilt?
Transfer
- Welche unterschiedlichen Geschichten verbinden Menschen mit der Sowjetunion?
- Wie können sich verschiedene Erinnerungsgeschichten überschneiden, ohne gleichgesetzt zu werden?
- Wessen Geschichte wird als Teil deutscher Geschichte erinnert?


Modul 4 – Vorbereitung auf den Gedenkstättenbesuch
Themen
- Was ist eine Gedenkstätte?
- Verhalten am historischen Ort
- Erwartungen und Fragen
- Einführung in die Geschichte des konkreten Lernortes
Methoden
- Erwartungsabfrage
- Arbeit mit Lageplänen
- Bildimpulse
- Formulierung eigener Forschungsfragen
Abschließende Reflexionsfragen
- Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigen die verschiedenen Formen von Verfolgung und Ausgrenzung?
- Wie beeinflussen politische Systeme Erinnerung?
- Welche Geschichten sind Teil deutscher Erinnerungskultur?
- Welche Perspektiven bleiben oft unsichtbar?
- Welche Bedeutung haben Migrationserfahrungen für das Erinnern heute?
Ort
Frei wählbar. Dieses Modul kann im Anschluss des Vorbereitungstreffens durchgeführt oder im Rahmen der Gedenkstättenfahrt integriert werden.
Weiterführende Gedenkstätten in Deutschland und Europa
Für Träger, die mehrtägige Fahrten planen oder das Thema vertiefen möchten, eignen sich unter anderem folgende Gedenkstätten:
- KZ-Gedenkstätte Neuengamme
- Zwangsarbeit, internationale Häftlingsgesellschaft, sowjetische Kriegsgefangene
- KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen
- sowjetische Kriegsgefangene, Vernichtungskrieg, Nachgeschichte
- KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
- Kriegsgefangene, Zwangsarbeit, Todesmärsche
- KZ-Gedenkstätte Dachau
- frühes Konzentrationslager, internationale Häftlinge
- Staatliches Museum Majdanek
- (Vernichtungspolitik im besetzten Polen, Generalplan Ost)
- Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau
- (Holocaust und weitere Opfergruppen)
- Gedenkstätte Zamość
- Vertreibung, Germanisierung, „Generalplan Ost“, Besatzungspolitik
Dieser thematische Impuls ist im Rahmen der Akademiewoche „Gemeinsam Erinnern – Erinnerungskultur, Teilhabe, und Bildung in der postmigrantischen Gesellschaft“ entstanden, die vom 14.6. – 21.6.2026 in der Akademie am Tönsberg, im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold, Friedland und Berlin stattgefunden hat. Erste gedankliche Überlegungen zu dem Thema wurden zudem in der vom IBB im Jahr 2025 veröffentlichen Broschüre „Wege der Erinnerung“ geteilt.
Literaturverzeichnis
- Eisfeld, Alfred: Nationalitätenpolitik gegenüber der deutschen Minderheit in der Sowjetunion von 1917 bis zur Perestrojka (18.07.2017, bpb.de), zuletzt aufgerufen am: 23.9.2026.
- Ens, Kornelius u.a. (Hrsg.): Diktatur – Mensch – System: Russlanddeutsche
- Erfahrungen und Erinnerungen. Interdisziplinäre Beiträge zur Geschichte und Migration der Russlanddeutschen Band 1, Paderborn 2023.
- Gryglewski, Elke: Gedenkstättenarbeit in der heterogenen Gesellschaft, in: Dies. Et. Al., (Hrsg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin 2015, S. 166–178.
- Hüser, Karl; Otto, Reinhard: Das Stammlager 326 (VI K) Senne 1941-1945. Sowjetische Kriegsgefangene als Opfer des Nationalsozialistischen Weltanschauungskrieges, Bielefeld 1992.
- Krieger, Viktor: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen, Bonn 2015.
- KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Leerstellen aufzeigen – Perspektiven öffnen. Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlinge aus Polen und der Sowjetunion in Norddeutschland (Neuengammer Studienhefte 06), Hamburg 2025.
- Otto, Reinhard; Keller, Rolf: Sowjetische Kriegsgefangene im System der Konzentrationslager (Mauthausen-Studien 14), Wien/Hamburg 2019.
- Panagiotidis, Jannis u.a.: (Spät-)Aussiedler aus den postsowjetischen Staaten (14.10.2019, bpb.de), zuletzt aufgerufen am: 23.9.2026.
- Panagiotidis, Jannis: Postsowjetische Migration in Deutschland. Eine Einführung, Bonn 2021.
- United States Holocaust Memorial Museum: The Eastern Front: The German War Against the Soviet Union (Last edited Dec 16, 2022, encyclopedia.ushmm.org), zuletzt aufgerufen am: 23.9.2026.
