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Werkstattbericht zum Workshopkonzept „Manchen fiel die Mauer auf den Kopf – Perspektiven auf Mauerfall und Transformationszeit“


Das Projekt entwickelt ein Workshopformat für Jugendliche, das die Bedeutung von Mauerfall und Wiedervereinigung für Migrantinnen und Migranten in Ostdeutschland in den Blick nimmt. Im Zentrum stehen Gruppen wie Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter, internationale Studierende oder Schülerinnen und Schüler, deren Aufenthalt nach 1989/90 vielfach unsicher wurde und deren Erfahrungen auch von Ausweisung, rassistischer Gewalt und gesellschaftlicher Marginalisierung geprägt waren. Ausgehend von medialen Selbstzeugnissen, weiteren Quellen und gegebenenfalls Zeitzeugeninterviews soll die Ambivalenz dieser historischen Ereignisse sichtbar gemacht werden. Ziel ist es, migrantische Perspektiven stärker in der Gedenkstättenarbeit sowie in Diskursen über Mauerfall und Wiedervereinigung zu verankern.

Werkstattbericht zum Workshopkonzept „Manchen fiel die Mauer auf den Kopf – Perspektiven auf Mauerfall und Transformationszeit“

Angelehnt an den mittlerweile zum Sprichwort gewordenen Satz und Filmtitel „Uns fiel die Mauer auf den Kopf“ will der im Rahmen der Akademiewoche entworfene Workshop neue Blicke auf Mauerfall und Transformationszeit werfen (vgl. Lierke/Perinelli 2020, S. 17).  Anlass der Auseinandersetzung waren dabei verschiedene Aspekte: zum einen die Beobachtung, dass das Thema der DDR-Migration in der deutschen Teilungsgeschichte oft nur sehr am Rande erzählt wird, und zum anderen, dass öffentliche Bilder rund um die Wiedervereinigung auch heute noch stark geprägt sind vom Bild der „geglückten Einheit“ – und dabei andere Erfahrungen mitunter fehlen. Von einem Bild also, dass die tiefgreifenden Veränderungen, traumatischen Erfahrungen, Gewalterfahrungen und Neuorientierungen – kurz, Transformationserfahrungen –, die viele Menschen in dieser Zeit durchlebten, nur unzureichend fassen kann. In Teilen trifft dies auch auf die seit über 10 Jahren bestehende Dauerausstellung im Dokumentationszentrum Berliner Mauer zu, wenngleich in der Stiftung selbst mittlerweile unterschiedlichste Formate und Zeitzeugenprojekte in diese Richtung entwickelt wurden, auf die der Workshop zurückgreifen kann.

Herangehensweise des Workshops ist es, mit Jugendlichen unterschiedlichste Biographien und damit Perspektiven auf Mauerfall und Transformationszeit kennenzulernen, die über einen Bezug zu Berlin zusammengehalten werden – migrantische Perspektiven sollen dabei eine zentrale Rolle spielen, aber im Sinne einer verflechtungsgeschichtlichen Herangehensweise nicht alleine stehen. Die Teilnehmer*innen sollen sich über biographische Dokumente und Interviews einen Zugang zur Lebenswirklichkeit, strukturellen Bedingungen und besonders ihren eigenen Lebenswegen und Entscheidungen der Protagonist*innen erarbeiten. Mit Erkenntnissen aus dieser Arbeit sollen kleine Interventionen in die Ausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße zurückgetragen werden, um eine Diskussion über plurale Erinnerungskultur anzuregen.

Insgesamt soll also gefragt werden: Wessen Geschichten werden hier eigentlich erzählt (und von wem?)? Welche Perspektiven fehlen dabei, und welches Bild von Mauerfall und Transformationszeit könnte sich zeigen, wenn man mehr Perspektiven einbezieht?

Format: ca. 4-stündiger Workshop, wenn möglich im Rahmen des Jahrestags des Mauerfalls am 9. November, ggf. Durchführung an einem Montag (Schließtag Dokumentationszentrum)

Zielgruppe: Oberstufenklasse/Gruppe einer Partnerschulen; Vorkenntnisse zur Geschichte der deutschen Teilung sinnvoll

Ziele:

  • Auseinandersetzung mit der Geschichte von Mauerfall und Transformationszeit, sowie mit der Migrationsgeschichte der DDR
  • Auseinandersetzung mit Migrationsgeschichten/Migration zwischen politischen Bedingungen und individuellen Entscheidungen
  • Auseinandersetzung mit Transformationserfahrungen
  • Entwicklung eines Verständnisses für die Ambivalenz und Uneindeutigkeit historischer Ereignisse, insbesondere von Mauerfall und Transformationszeit
  • Auseinandersetzung mit Orten der Erinnerungskultur und der Kontingenz von musealen Inszenierungen

Ablauf des Workshops

Der Workshop beginnt für die Gruppe mit einem Besuch der Ausstellung, um eine gemeinsame Wissensgrundlage zum Thema Mauerfall und Wendezeit zu schaffen. Zugleich sollen hier Erinnerungsnarrative und -bilder identifiziert werden, mit denen sich die Gruppe später auseinandersetzen kann. Um die zentrale Workshopphase – die konkrete Arbeit an den Biographien – einzuleiten, werden den Teilnehmer*innen zunächst Zitatkarten vorgestellt, die jeweils die Zeitzeug*innen repräsentieren. Die Zitate sind bewusst provokant und interpretationsoffen gewählt, sodass die Teilnehmer*innen über deren mögliche Bedeutung diskutieren können, und so eine Neugier für die Biographien entwickeln können („Die Mauer war wie eine kuschelige Ecke“[1], „Plötzlich wusste ich nicht mehr, wo ich das Geld für Lebensmittel herbekam“[2]). Im zentralen Teil des Workshops stehen dann die Biographien der Protagonist*innen im Mittelpunkt, die in Form von Zeitzeugeninterviews (Videos) und Texten zur Verfügung stehen und mit Unterstützung eines Rechercheheftes bearbeitet werden. Die Beschäftigung soll dabei drei Themen folgen: der Entscheidung für die DDR/das Leben in der DDR, die Zeit des Mauerfalls/Erfahrungen der Transformationszeit, sowie eigene Wege und das heutige Leben, die jeweils in Hinblick auf damit verbundene Emotionen, aber auch politische/strukturelle Bedingungen besprochen werden. Den Abschluss bildet dann wiederum der Gang in die Ausstellung: die anfangs eingeführten Zitate, aber ggf. auch weitere Bilder oder neue Zitate, werden in der Ausstellung platziert und in einem gemeinsamen Rundgang diskutiert.

Entwicklung und Herausforderungen

Anlass zur Konzeption des Workshops war ursprünglich das Thema DDR-Migration, also die Situation von Vertragsarbeiter*innen, Student*innen oder Schüler*innen aus sogenannten „Bruderstaaten“, deren Aufenthalt in der DDR im besonderen Maße im Zeichen der „Völkerfreundschaft“ stand. Im Zusammenhang mit der deutschen Teilungsgeschichte stellen diese Erfahrungen häufig eine Leerstelle dar, wie es beispielsweise Peggy Piesche (2019, S. 7) attestiert hat. In Reaktion auf diese Leerstelle wurden in den letzten Jahren gleichsam zahlreiche (auto-)biographische Bücher, Webdokumentationen und Zeitzeugenprojekte wie „De-Zentralbild“, „Eigensinn im Bruderland“, Ausstellungen oder Filme zum Thema veröffentlicht, auf die dieser Workshop – wenn möglich –zurückgreifen möchte. Wie oben beschrieben, zeigt sich die zunehmende Sichtbarkeit dieser Perspektiven auch in den Formaten der Stiftung Berliner Mauer, findet sich jedoch bisher nicht in ihrer Dauerausstellung wieder.

Dabei stellten die Jahre 1989/90 und die folgende Transformationszeit insbesondere für migrantische Menschen und BIPOC in Ostdeutschland eine weitreichende und sehr spezifische Zäsur dar. Da die Aufenthaltsbedingungen vieler, beispielsweise von Vertragsarbeiter*innen, Student*innen und Schülergruppen, an Institutionen der DDR gebunden waren, gehörte dazu die Unsicherheit der Aufenthaltserlaubnis und für viele die (unfreiwillige) Rückkehr in das Herkunftsland. In manchen Fällen – wie im Falle einer Gruppe namibischer Schüler*innen, die in der DDR aufwuchsen – war das die „Rückkehr“ in ein nahezu unbekanntes Land. Die, die blieben, mussten sich in der Folgezeit mit Arbeitslosigkeit ebenso wie mit grassierender Gewalt auseinandersetzen. Dennoch ging die „Wende“ auch für viele in die DDR migrierte Menschen mit neuen Möglichkeiten einher. Anliegen des Workshops ist es also zunächst, diese Biographien überhaupt sichtbar zu machen und mit Jugendlichen zu erschließen.

Die migrantische Perspektive lädt darüber hinaus dazu ein, sich mit der Ambivalenz und Komplexität von Mauerfall, Wendezeit und Wiedervereinigung zu beschäftigen. Denn die Erfahrungen beispielsweise ehemaliger Vertragsarbeiter sind zu einem Teil spezifisch, zum Beispiel mit Blick auf Rassismuserfahrungen, Illegalisierung oder den Druck, zurückzukehren. Andere Erfahrungen knüpfen an solche an, die auch viele ehemaliger DDR-Bürger*innen machten, denkt man an Arbeitslosigkeit, unsichere Perspektiven oder Abwertungserfahrungen. Und auch in West-Berlin wurden die gesellschaftlichen Veränderungen ab 1989 sehr unterschiedlich aufgenommen, wie die Berichte ehemaliger türkischer Gastarbeiter*innen zeigen. Das Nebeneinanderstellen ganz unterschiedlicher Biographien kann hier also auch viel Verbindendes aufzeigen und Aspekte der Migrationsgesellschaft als Bestandteil deutscher Geschichte erzählen, und diese nicht als Spezialthema herauslösen.

Angelehnt ist dieser Anspruch an einen Text von Iman Attia et al. (2021, S. 22), die beschreiben, dass Migrationsgeschichte in nationalen Geschichtsschreibungen häufig zum Sonderfall der „eigentlichen“ Geschichte und nur als externalisierte, fremde Geschichten wieder eingeführt würden. Dem gegenübergestellt wird ein verflechtungsgeschichtlicher Ansatz, der zeigt, dass Migrationsgeschichten integraler Bestandteil deutscher Geschichte sind. In eine ähnliche Richtung geht der Ansatz des multidirektionalen Erinnerns, der – ohne eine Hierarchisierung verschiedener Erfahrungen – ein dialogisches Ineinandergreifen verschiedener Erinnerungstraditionen verfolgt (vgl. Lierke/Perinellli 2020, S. 15).

Dieser Anspruch ist für dieses Projekt eine Herausforderung, da der Komplex rund um DDR-Migration aus der Sicht heutiger Jugendliche als recht voraussetzungsvoll angesehen werden muss. Allein die Geschichte der DDR, die außenpolitischen Zusammenhänge der Migration und ein Verständnis für die Transformationszeit können hier nicht unbedingt als gegeben gesehen werden, zudem gibt es immer weniger Bezüge zur Lebensrealität und Familiengeschichte der Teilnehmer*innen. Dennoch will dieser Workshop den Versuch unternehmen, sowohl DDR-Migrationsbiographien sichtbar zu machen und sie dennoch in einen verflechtungsgeschichtlichen Kontext einzubetten. Dies bedeutet, dass das vertiefte Wissen zu den Bedingungen der DDR-zeitlichen Migration nur in der Auseinandersetzung mit manchen der ausgewählten Biographien erarbeitet werden kann und beispielsweise auf einen einführenden Impuls zu diesem Thema eher verzichtet wird. Die Gruppe der vorgestellten Zeitzeug*innen soll insgesamt auch andere Perspektiven abbilden: West-Berliner Perspektiven, Perspektiven ehemaliger Gastarbeiter*innen, Perspektiven von Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und damit ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage, aber auch Menschen, die aus den neuen Freiheiten und Möglichkeiten sehr viel geschöpft haben. Damit soll insgesamt deutlich werden, wie ambivalent und komplex diese Zeit war, und wie viel es dazu auch heute noch zu diskutieren gibt. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Biographien und die Intervention in der Ausstellung sollen damit mehrere Dinge zeigen: dass es in diesem Zusammenhang verbindende Erfahrungen gibt, die quer zum Thema Migration liegen und dass es Erfahrungen gibt, die in Erinnerungsnarrativen bisher nicht ausreichend Platz gefunden haben. Nicht zuletzt soll diese Methode die Fähigkeit der kritischen Auseinandersetzung mit öffentlichen Geschichtserzählungen und musealen Kontexten fördern (vgl. Handro 2021: 445).

Eine weitere Herausforderung des Projektvorhabens ist der Umgang mit der Gewaltgeschichte, für die die 1990er Jahre stehen. Ziel sollte es sein, diese nicht einfach zu reproduzieren, sondern eher die Handlungsfähigkeit und Praktiken der vorgestellten Personen sichtbar zu machen (vgl. Attia et al. 2021: 27). Auch dies ist zunächst eine Gratwanderung, denn die Gewalterfahrungen der 1990er Jahre und die strukturelle Unsicherheit vor allem für migrantische Personen im Osten sind zentrale Aspekte der hier besprochenen Geschichte, die kaum ausgelassen werden können. Viele Protagonist*innen sprechen – mehr oder weniger – über solche Erfahrungen. Vorläufiger Ansatz des Workshops ist es, diese Erfahrungen einerseits zu benennen, und andererseits in einen Zusammenhang zu stellen mit der Frage, wie die Protagonist*innen mit der historischen Situation umgegangen sind, wie sie aktiv geworden sind, und was sie heute tun.

Denn am Ende ist ein Lernziel des Workshops eben nicht nur das historische Wissen rund um die „Wende“ und Transformationszeit, sondern auch das Nachdenken über den Umgang mit tiefgreifenden Veränderungen – über Migrations- und Transformationserfahrungen. Es soll sichtbar werden, dass politische Rahmenbedingungen zwar einen großen Einfluss auf das Leben von Menschen haben, Menschen aber trotzdem ihre eigenen Entscheidungen treffen, Wege finden, sich nicht steuern lassen, sich mit anderen zusammentun, aktiv werden, Kinder bekommen. Man könnte es – angelehnt an die gleichnamige Webdokumentation – nennen: „Eigensinn im Bruderland“.

Die Zeit von Mauerfall und Wiedervereinigung stellt einen historischen Kristallisationspunkt dar und bietet damit einen guten Ausgangspunkt, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen: Über verbindende und divergierende Erfahrungen in Bezug auf die deutsche Teilungsgeschichte, die vielleicht auch quer zum Thema Migration liegen, über aktives Handeln und den Umgang mit gesellschaftlichen Transformationen und nicht zuletzt darüber, wie gesellschaftliches Erinnern funktioniert und dargestellt wird.

Der Workshop befindet sich derzeit noch in der Entwicklungsphase. Bei Anregungen oder Rückfragen können Sie sich gerne an mich wenden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

Literatur

Attia, Iman, Olga Gerstenberger, Diane Izabiliza, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Iris Rajanayagam, und Isidora Randjelović. 2021. „Verwobene Geschichten - geteilte Erinnerungen“. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 71(40–41): 27–33.

Handro, Saskia. 2021. „Der »Fall DDR« – Ambivalenzen und Chancen historisch-politischer Bildung DDR-Geschichte vermitteln – aber wie?“ In (Ost)Deutschlands Weg. Teil 2: Gegenwart und Zukunft: 35 weitere Studien, Prognosen & Interviews, Schriftenreihe / Bundeszentrale für politische Bildung, hrsg. Ilko-Sascha Kowalczuk, Frank Ebert, und Holger Kulick. Bonn: bpb, Bundeszentrale für politische Bildung, 429–46.

Lierke, Lydia, und Massimo Perinelli. 2020. „Intro“. In Erinnern stören: der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive, hrsg. Lydia Lierke und Massimo Perinelli. Berlin: Verbrecher Verlag, 11–30.

Piesche, Peggy, hrsg. 2019. Labor 89: intersektionale Bewegungsgeschichte*n aus West und Ost: mit Porträts von Anita Awosusi, Nuran Ayten, Sun-ju Choi, Samirah Kenawi, Angelika Nguyen, Katharina Oguntoye, Ina Röder Sissoko und Jeanette Sumalgy. 1. Auflage. Berlin: Yilmaz-Günay.

 

[1] Sevim Çelebi-Gottschlich, https://www.youtube.com/watch?v=gafHm1Qi6po

[2] Hiền Phan, https://www.eastsidegalleryausstellung.de/zeitzeugeninnen-und-zeitzeugen/